Bild: «Frühling, stillende Mutter» von George Clausen, 1880; Keystone

Mütterlicher Zaubertrank

Rund um das Thema Muttermilch herrscht viel Aberglaube. Wie lange sollen Mütter stillen? Was, wenn es nicht klappt? UZH-Humanbiologe Thierry Hennet sucht nach sachlichen Argumenten und erforscht, wie Muttermilch vor Infektionen schützt.

Von Andres Eberhard

Vor 15 Jahren hatte Thierry Hennet in einem Kühlraum am Institut für Physiologie der Universität Zürich eine zündende Idee – und dies bei minus 20 Grad. Auf einem Regal in der kühlen Kammer lagerten, schon fast vergessen, zahlreiche grosse Flaschen gefüllt mit Muttermilch. «Ein Kollege hat in den 1980er-Jahren für ein Forschungsprojekt grosse Mengen davon bekommen», sagt Hennet, «rund 50 Liter blieben übrig.» Da Hennet wusste, dass Muttermilch ähnliche Zuckermoleküle enthielt wie die, mit denen er sonst arbeitete, begann er das mütterliche Elixier zu
erfoschen.

Seit Jahrhunderten ist die Muttermilch mit vielen Mythen behaftet. So wurde Kolostrum – die Frühmilch der ersten Tage nach der Geburt – im Mittelalter als ungesunder Eiter betrachtet. Lange Zeit war es zudem üblich, dass Frauen ihre Kinder Ammen übergaben, die gegen Stillgeld das Baby an die Brust nahmen. Man schätzte die angenehme Distanz, die sich zwischen Mutter und Kind als Folge daraus entwickelte.

Ganz anders heute: Muttermilch gilt als eine Art Zaubertrank, das Kolostrum als besonders gesund. Und der enge Körperkontakt beim Stillen wird als förderlich für die Bindung zwischen Mutter und Kind angesehen. «Breast is best» lautet ein bekannter Slogan. «Mit der Muttermilch war schon immer viel Aberglaube verbunden», sagt Hennet. Das sei heute noch der Fall. Während sie früher fälschlicherweise als schädlich angesehen wurde, bestehe heute eher die Tendenz, sie zu glorifizieren. So sei einiges, was mit der Muttermilch in Verbindung gebracht wird – so zum Beispiel eine höhere Intelligenz von gestillten Babys –, nicht wissenschaftlich begründet.

Wie gesund ist also Muttermilch wirklich und wie wichtig ist das Stillen? Wie lange soll sich das Baby an der Brust ernähren? Gibt es Alternativen für Mütter, die nicht stillen können oder wollen? Solche Fragen treiben auch Thierry Hennet um. Als Grundlagenforscher kann er helfen, die von Ideologie, Religion und manchmal auch Aberglauben geprägte Diskussion zu versachlichen.

Nähren und schützen

Hennet forscht hauptsächlich zu den Schutzfunktionen der Muttermilch. Bekannt ist, dass Muttermilch Säuglinge nicht nur nährt, sondern diese auch vor Infektionen schützt. Dafür verantwortlich sind in der Milch enthaltene Antikörper sowie komplexe Zuckermoleküle, die helfen, den Darm mit «gesunden» Bakterien zu besiedeln. «Mütter übertragen ihr Immunsystem auf den Säugling. Vor Infektionen, die die Mutter durchgemacht hat, ist darum auch das Neugeborene geschützt», sagt Hennet.

Aus diesem Grund sei die Muttermilch auch die beste Ernährung für Neugeborene. «Sie ist das Resultat von Zehn-, ja Hundertausenden von Jahren menschlicher Entwicklung», sagt Thierry Hennet. Mütter, die nicht stillen können oder wollen, geben ihrem Baby heute in der Regel einen Schoppen, in dem sie künstliches Milchpulver mit Wasser mischen. Diese Ersatzmilch hat zwar viele Nährstoffe, aber eben bei weitem nicht denselben Immunschutz.

Heisst das nun, dass Kinder möglichst lange gestillt werden sollen? Diese von Stilldogmatikern vertretene Position kann Hennet nicht teilen. Denn die Anzahl Antikörper in der Muttermilch geht bereits nach drei bis vier Monaten um rund
90 Prozent zurück. Und nach sechs Monaten wird der Magensaft sauer, was für die Aufnahme von fester Nahrung Sinn macht, jedoch viele in der Muttermilch enthaltene Antikörper abtötet. Anders gesagt: nach drei, spätestens sechs Monaten Stillen ist das Baby ausreichend geschützt.

Wechselnde Rezeptur der Muttermilch

Hennets Ziel ist es, mit seiner Forschung auch Müttern zu helfen, die nicht stillen können oder wollen. Und zwar, indem er in der Muttermilch jene Moleküle ausfindig macht, die für den Schutz vor Infektionen verantwortlich sind. Denn bis heute ist noch nicht ganz klar, wie die Muttermilch vor Krankheiten schützt. Das hat mit ihrer extrem vielfältigen Zusammensetzung zu tun. Muttermilch besteht aus Proteinen, Fetten, Kohlenhydraten, Wasser und Mineralien. All diese Makromoleküle haben zahlreiche Bestandteile. Hinzu kommt: Die Zusammensetzung verändert sich ständig.

In den ersten Tagen nach der Geburt enthält die Muttermilch vor allem viele Antikörper. Nach einigen Tagen steigt der Anteil an Fetten und Kohlenhydraten, später auch der Anteil an Proteinen. Das stellt sicher, dass der wachsende Hunger des Säuglings gestillt ist. Das «Rezept» der Muttermilch verändert sich aber nicht nur im Verlauf von Wochen, sondern innerhalb von Minuten. So enthalten beispielsweise die ersten Schlucke, die ein Baby an der Brust der Mutter trinkt, weniger Fett als jene Milch, die es am Ende der Stillmahlzeit zu sich nimmt.

Um die Schutzfunktionen der Muttermilch zu entschlüsseln, separieren Hennet und sein Team zunächst spezifische Antikörper und Oligosaccharide, komplexe Zuckermoleküle – jene Inhaltsstoffe, von denen man weiss, dass sie eine wichtige Rolle im Immunsystem des Säuglings spielen. In mehreren Untersuchungen der letzten paar Jahre konnten die Forscher für viele der rund 200 in der Muttermilch enthaltenen Oligosaccharide zeigen, wie diese das Wachstum von gesunden Darmbakterien fördern und das, von pathogenen, schädlichen Bakterien hemmen.

Auch den Einfluss verschiedener Antikörper auf die Darmflora konnten die Forscher nachzeichnen. In einer aktuellen, noch unveröffentlichten Studie zeigen sie nun, dass spezifische Antikörper sowohl an «gesunden» als auch an schädlichen Bakterien andocken können. Dies, weil manche der Milliarden Bakterien in unserem Darm dieselben Oberflächenmerkmale aufweisen. «Das erklärt, warum Neugeborene vor bakteriellen Darminfektionen wie Salmonellen oder Listerien geschützt sind, selbst wenn ihre Mütter nie an diesen Krankheiten litten», sagt Hennet.

Babynahrung anreichern

Hersteller von Babynahrung hoffen, dass sie ihre Produkte dereinst mit solch schützenden Molekülen anreichern könnten. Schliesslich ist der fehlende Immunschutz der einzige wissenschaftlich belegte Nachteil der künstlich hergestellten Milch gegenüber Milch von der Brust. Doch Hennet muss die Erwartungen dämpfen. Denn selbst wenn man von gewissen Molekülen wisse, dass sie wichtige Schutzfunktionen ausüben, könne man diese nicht einfach aus der Muttermilch herauslösen. «Die Gefahr besteht, dass das System aus dem Gleichgewicht gebracht wird.»

Warum dies problematisch ist, zeigt exem­plarisch einer von Hennets letzten Forschungsbeiträgen. Gewisse in der Muttermilch enthaltene Zuckermoleküle können einen Dominoeffekt auslösen, der letztlich zu einer Darmentzündung führt. Der Einfluss auf die Darmflora kann sich also auch zum Schlechten verändern, wenn man die einzelnen Moleküle voneinander trennt.

Deshalb wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis man in der Lage ist, die Abwehrkräfte zu kopieren. «Wir sind noch ziemlich weit davon entfernt, Muttermilch künstlich herzustellen», sagt Hennet. Für Mütter, die nicht stillen können, besteht aber dennoch Hoffnung. Denn die Forschung zur Muttermilch könnte dereinst dazu führen, dass Neugeborene gezielt geimpft werden können. Oder aber könnten gesunde Darmbakterien, die normalerweise mit Hilfe der Muttermilch wachsen, dem Baby als Nahrungsergänzung verabreicht werden. Damit würde Thierry Hennets Wunsch in Erfüllung gehen: «Mütter sollen sich nicht schlecht fühlen müssen, wenn sie nicht stillen können oder wollen.»

Andres Eberhard ist freier Journalist.

AUSSTELLUNG IM ZOOLOGISCHEN MUSEUM

Wie ein Fingerabdruck der Mutter

Vom Feldhasen über den Seehund bis zum Menschen: Milch ist nach der Geburt die Lebensgrundlage aller Säugetiere. Sie wird wegen ihrer für den Nachwuchs überlebenswichtigen Nähr-, Schutz- und Botenstoffe immer wieder als «Wundersaft» oder «Zaubertrank» bezeichnet. Die dreisprachige Sonderausstellung «Milch – mütterliches Elixier» im Zoologischen Museum der UZH widmet sich der Muttermilch in all ihren Facetten.

Die Milch stellt eine Art individuellen Finger­ab­druck einer Mutter dar – und zwar quer durchs Tier­reich. Der UZH-Humanbiologe Thierry Hennet sagt dazu: «Die Zusammensetzung der Muttermilch wider­spiegelt die Lebensart einer Spezies.» So hat Kuhmilch mehr Proteine (damit Kälber schnell wachsen), Robbenmilch mehr Fettanteile (damit die Jungtiere nicht frieren) und die des Wolfs viele Nährstoffe (weil es länger dauern kann, bis die Mutter von der Jagd zurückkommt). Die des Menschen wiederum ist die komplexeste von allen und enthält unter anderem viele für das Gehirn wichtige komplexe Milchzucker.

Die vom Naturhistorischen Museum Freiburg konzipierte Ausstellung widmet sich auch der Evolution. Während die ersten Säugetiere vor 200 Millionen Jahren noch Eier legten, ernähren heute rund 6000 Säuge­tier­arten ihre Jungen mit Muttermilch. Längst nicht alle Fragen rund um die Muttermilch sind jedoch geklärt – etwa, ob ihre Zusammensetzung massgeschneidert für jedes einzelne Kind ist. Dass es nach wie vor ungelöste Rätsel gibt, ist wohl ein Grund für die Faszination, die von Muttermilch ausgeht.

Die Ausstellung «Milch – Mütterliches Elixier» ist von Anfang September bis 26. November 2020 im Zoologischen Museum der UZH zu sehen www.zm.uzh.ch