tauchender Bub

Social Media der Jäger und Sammler

Freunde und soziale Netzwerke haben den Menschen innovativ und erfolgreich
gemacht, sagt Andrea Migliano. Die Anthropologin erforscht traditionelle Gesellschaften, die ähnlich leben wie unsere Vorfahren vor über zehntausend Jahren.

Text: Roger Nickl
Bilder: Rodolph Schlaepfer

Das Leben im Dschungel der philippinischen Insel Luzon ist kein Zuckerschlecken. Hier sind die Agta zuhause, ein nomadisches Volk von Jägern und Sammlern, das in verschiedenen kleineren Gruppen das gebirgige Waldgebiet und die Küste bewohnt – ähnlich vielleicht wie unsere Vorfahren vor über zehntausend Jahren, bevor sie im Lauf der neolithischen Revolution zu sesshaften Bauern wurden. Die Agta leben von der Jagd, vom Fischfang und sie sammeln Wildpflanzen, zuweilen tauschen sie mit Aussenstehenden auch Fisch und Fleisch gegen Reis. Doch die Ernährungssituation ist unsicher. Einem Jäger, der im Wald auf Beute aus ist, winkt im Durchschnitt nur alle drei Tage das Glück. Das hat Folgen für das Zusammenleben. Um zu überleben, müssen die Agta alle am gleichen Strick ziehen. Alles wird miteinander geteilt. Wer ein Tier erlegt hat, teilt es nicht nur mit seiner Familie, sondern mit der ganzen Gruppe. Denn schon morgen könnte der Jäger selbst mit leeren Händen ins Camp zurückkehren.

Heute gibt es weltweit noch eine Handvoll Jäger-und-Sammler-Kulturen. Dazu gehören die Penan auf Borneo, die San im südlichen Afrika und eben die Agta auf den Philippinen, die Andrea Migliano erforscht. Indem sie diese ursprünglichen Gesellschaften untersucht, versucht die UZH-Anthropologin besser zu verstehen, wie die kumulative Kultur – das Wissen, das auf dem Wissen unserer Vorfahren aufbaut und den Menschen so erfolgreich gemacht hat – entstanden sein könnte. Anders gesagt: Migliano erforscht, wie wir wurden, wer wir sind. Zentral für diese Entwicklung sind Kooperationen und soziale Netzwerke, hat die Forscherin herausgefunden. «In der Fähigkeit zur Zusammenarbeit und zum Networking wurzelt das moderne menschliche Verhalten», sagt Andrea Migliano.

Sonnenmann und Mondfrau

Mit Hilfe von elektronischen Tracking-Geräten, die sie an den Handgelenken von Agta-Frauen und -Männern befestigte, hat Andrea Migliano die sozialen Verknüpfungen der Jäger und Sammler detailliert analysiert. Um zu überleben, teilen die Agta nicht nur Nahrungsmittel und Dinge, sondern auch ihr Wissen. Während wir in den hochtechnologisierten Städten und Ländern rund um den Globus über Internet und soziale Medien Informationen miteinander austauschen, erzählen sich die Agta Geschichten. Storys, in denen Wissenswertes über die Heilkunst oder die Jagd vermittelt wird. «Sie handeln beispielsweise davon, auf welche Tiere man schiessen soll und darf, wo im Dschungel Gefahren lauern und wie man den Wald respektieren soll», sagt die Anthropologin.

Aber auch soziale Normen wie die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, die bei den Agta zentral ist, werden in Geschichten verhandelt. Um das Verhältnis von Frau und Mann dreht sich die Geschichte von Sonne und Mond. Zusammengefasst geht sie so: Vor langer Zeit stritten sich der Sonnenmann und die Mondfrau darüber, wer den Himmel erleuchten soll. Da sie sich nicht einigen konnten, begannen sie miteinander zu kämpfen. Es zeigt sich nun aber, dass beide gleich stark waren. So kamen sie zum Schluss, die Aufgabe zu teilen. Von da an war der Sonnenmann für die eine Tageshälfte, die Mondfrau für die andere zuständig. In solchen Mythen werden nicht nur Regeln und Normen weitergegeben, sondern gleichzeitig auch für folgende Generationen aufbewahrt. «Die Agta haben keine elektronischen Speichersysteme wie wir», sagt Andrea Migliano, «indem sie ihr Wissen in Geschichten verpacken, können sie es besser in Erinnerung behalten.»

Schimpansen kennen kein Networking

Wichtig für den Wissensaustausch der Jäger und Sammler sind nicht nur Geschichten und Mythen, sondern auch Besuche, die Mitglieder einer Gruppe anderen Agta-Camps abstatten. «Diese Visiten sind die sozialen Medien der Jäger und Sammler», sagt Andrea Migliano, «wenn wir heute eine Lösung für ein Problem suchen, gehen wir online und holen uns Informationen aus mehreren Quellen. Die Agta nutzen ihr soziales Netzwerk auf genau gleiche Weise, indem sie ihr Wissen mit den Erfahrungen von Menschen in anderen Camps anreichern.» Dieser Austausch von Knowhow ist die Grundlage für Innovationen, auf denen die kumulative Kultur beruht.

«Wenn Menschen, die verschiedene Dinge wissen, miteinander sprechen und dieses Wissen neu kombinieren, können daraus Innovationen entstehen», sagt die Forscherin. Die Agta nutzen den kreativen Informationsaustausch unter Mitgliedern verschiedener Camps etwa, um neue pflanzliche Heilmittel zu finden oder um ihre Jagd­instrumente zu verbessern. So haben die Jäger und Sammler zum Beispiel eine Taucherbrille entwickelt, die ihnen beim Fischfang hilft.

Diese Fähigkeit zur Innovation unterscheidet uns Menschen deutlich von unseren nächsten evolutionsgeschichtlichen Verwandten – Schimpansen sind nicht sonderlich innovativ und sie betreiben überhaupt kein Networking. Andrea Migliano geht deshalb davon aus, dass gerade soziale Strukturen, die wie bei den Agta aus kleinen miteinander vernetzten Gemeinschaften bestehen, die kulturelle Entwicklung, die vor Zehntausenden von Jahren begann, möglich gemacht haben.

Wissen teilen mit Freunden

Besonders wichtig für diese Informations- und Innovationsnetzwerke sind Freundschaften. Freunde sind das Schmiermittel für den Wissenstransfer. Mit ihnen sind wir in engem Kontakt, mit ihnen teilen wir unsere Freuden und Sorgen, aber auch unsere unterschiedlichen Erfahrungen. Das beflügelt das Entstehen von Neuem – bei den Agta im philippinischen Dschungel, wo Freundschaften schon früh in Spielgruppen von Gleichaltrigen geknüpft werden, aber auch bei uns in den Städten der Spätmoderne. Und in der Wissenschaft: «Wenn ich für ein Projekt nur mit Forschern der UZH aus einem Gebiet spreche, ist das wahrscheinlich nicht allzu innovativ», sagt Andrea Migliano, «anders sieht es aus, wenn ich die Erfahrungen von Freunden aus unterschiedlichen Ländern und Disziplinen miteinbeziehe.» Auf diesem Weg können viel mehr neue Ideen entstehen.

Heute ermöglichen soziale Medien wie Facebook oder Twitter, Informationen in individuellen Netzwerken unter «Freunden» auszutauschen. Und Online-Crowds schliessen das Knowhow von unzähligen Menschen zusammen, um bestimmte Aufgaben zu lösen – etwa einen Artikel in der Online-Enzyklopädie Wikipedia zu schreiben. Angelegt sind diese Ideen bereits in den sozialen Netzwerken der Jäger-und-Sammler-Kulturen.

Allerdings ist die Lebensweise und Kultur, die sich die Jäger und Sammler über Jahrtausende hinweg bewahrt haben, heute immer stärker bedroht. «Die Agta wird es nicht mehr lange geben», sagt Andrea Migliano. Den Hauptgrund dafür sieht sie im zunehmenden Tourismus. Hotels werden gebaut, der Dschungel gerodet. Und so schrumpft der Lebensraum der Jäger und Sammler zusehends. Das ist zwar tragisch, wäre aber weniger schlimm, wenn die Agta zumindest unterstützt würden und Zugang zu moderner Bildung und zum Gesundheitswesen erhielten, sagt Andrea Migliano, so könnten sie sich langsam an die Entwicklung anpassen. Dies geschieht aber nicht. «Sie werden einfach vertrieben.»

Leben im Dschungel

Egoisten werden ausgegrenzt

Im Lauf der neolithischen Revolution vor über zehntausend Jahren wurden die Menschen von Jägern und Sammlern zu Ackerbauern. «Das Sesshaftwerden der Menschen führte zu einem entscheidenden Wertewandel», sagt Forscherin Andrea Migliano. Die Erfindung der Landwirtschaft machte es möglich, Nahrungsmittel und Güter zu akkumulieren. Dadurch entstanden mehr Wettbewerb und Ungleichheit, aber auch mehr Gewalt unter den Menschen. Man musste den eigenen Boden und Besitz verteidigen und bevorzugte die eigene Familie. «Wir haben viel von dieser Besitzvorstellung geerbt», sagt die Anthropologin. Individualismus und Besitz ­kennen die Jäger und Sammler dagegen auch heute nicht. «Auch Eigennutz gibt es bei den Agta kaum», sagt UZH-Anthropologin Migliano. Ganz freiwillig ist das allerdings nicht. Die Gründe dafür sieht Migliano vor allem im Druck, den das anspruchsvolle Leben im philippinischen Dschungel auf die Jäger und Sammler ausübt. «Die Agta wollen von sich aus eigentlich gar nicht alles teilen, sind dazu aber verpflichtet, weil sie sonst die Gruppe gefährden – das kann stressig sein», sagt die Forscherin. Wer sich dennoch egoistisch verhält, setzt das Überleben aller aufs Spiel und wird deshalb ausgegrenzt. Der Verzicht auf Eigennutz ist bei den Agta also auch verordnet. Ein gewisses Mass an Egoismus sei wohl Teil der menschlichen Natur, mut­masst die Forscherin, wir seien keine selbstlosen Wesen und neigten dazu, unsere Familien zu bevorzugen.