Auslegeordnung der Desaster

Je heisser das Klima wird, desto grösser die Umweltprobleme. Die Schweiz ist auch davon betroffen. Geograf Christian Huggel erforscht, womit wir im schlimmsten Fall rechnen müssen.

Von Thomas Gull

Die Welt muss sich für eine erhitzte Zukunft wappnen. Das gilt auch für die Schweiz. ­Christian Huggel, Professor für Geografie an der UZH, arbei­tet deshalb im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) zusammen mit der Universität Freiburg an einem Projekt mit dem viel­ver­spre­chenden Titel «Wenn Risiken kumulieren – Analyse im Umgang mit Wildcard-­Risiken». Unter Wildcard-Risiken werden «schwer einschätzbare Ereig­nisse mit kleiner Eintretenswahrscheinlichkeit, aber grossem Schaden­potenzial» verstanden. Davon wird es mehr geben und sie werden umso heftiger ausfallen, je stärker die Temperaturen steigen. Ziel des Projekts ist, solche Extremereignisse zu model­lieren und Strategien zu entwick­eln, wie diese gemeistert oder – noch besser – ­verhindert werden können. Schauen wir uns drei Szenarien solcher Ereignisse an, auf die wir uns vorbereiten sollten:

1 Die Schädigung des Waldes durch Sturm- und Lawinenschäden, Trockenheit oder die Ausbreitung von Schädlingen. Dieser geschwäch­te Wald könnte alpine Gebiete wie etwa das ­Urserental nicht mehr schützen und müsste beispiels­weise durch teure Kunstbauten ersetzt werden. Vorstellbar sind auch grossflächige Waldbrände, wie sie Kalifornien heimsuchen. Wie der Hitzesommer 2018 gezeigt hat, «scheinen die Wälder anfälliger zu sein, als wir dachten», sagt Huggel. So sind in einigen ­Gebieten allein wegen der Trockenheit Buchen, Ahorne, Fichten, Föhren oder auch Weisstannen abgestorben. Umstürzende Bäume können Schäden anrichten, die Erträge der Forst­wirt­schaft gehen zurück, der Tourismus und wichtige Verkehrs- und Energie-Infrastruktur sind betroffen.

2 Die Hitze setzt nicht nur dem Wald zu, sondern auch der Landwirtschaft. Wenn es im Sommer lange heiss und trocken ist, kann das zu Versorgungsengpässen bei Lebens- und Futtermitteln führen und die Existenz von Bauernbetrieben gefährden. «Solche trockenen und heissen Sommer sind nicht nur auf die Schweiz beschränkt, in der Regel ist jeweils ganz Mitteleuropa betroffen», sagt Huggel. Das bedeutet, wenn wir hier zu wenig Nahrungsmittel produzieren, können wir sie nicht einfach woanders herholen.

3 Der dritte Problemkreis ist die Wasser- und Energieversorgung. Wasser braucht es für die Landwirtschaft, aber auch für die Kühlung von Kernkraftwerken, zur Stromproduktion, für die Industrie und die Haushalte. Heute hilft uns das Gletscherwasser im Sommer über längere Trockenperioden hinweg. Mit den Gletschern wird auch diese Pufferfunktion verschwinden. Zusätzlich können Stromversorgung und Infrastrukturen wie Strassen und Gebäude auch durch andere Ereignisse gefährdet werden, die durch den Klimawandel verstärkt werden, wie Stürme, Lawinen, Murgänge oder Hochwasser.

Huggel arbeitet seit diesem Sommer an der BAFU-Studie. Sie soll uns helfen, besser für künftige Katastrophen gerüstet zu sein. Noch besser wäre allerdings, die CO2-Emissionen rechtzeitig zu senken. «Wenn uns das nicht gelingt, fahren wir uns alle an die Wand», sagt Huggel. Das Ziel von 1,5 °C Erwärmung, wie im Pariser Klimaabkommen von 2015 formuliert, sei eine «enorme gesellschaftliche Herausforderung», betont der Geograf. Wenn wir es nicht erreichen, werden die prognostizierten Desaster noch heftiger ausfallen.