Kaputte Handys

Idee 3: Reparieren statt wegwerfen

Dank der Digitalisierung könnten wir Energie sparen und Warenkreisläufe optimieren. Das schont die Umwelt. Im Moment passiert allerdings das Gegenteil.

Von Roger Nickl

Ein ganzes Heer von Recycling-Robotern sortiert in unseren Städten Abfall, demontiert Geräte, erkennt und trennt Materialien und macht sie so wieder verwertbar. Von künstlicher Intelligenz unterstützt lernen die elektronischen Müllarbeiter selbständig, wie sie reine Materialien immer besser rückgewinnen können – das sind wichtige Informationen. Denn sie helfen wiederum Ingenieuren, Geräte zu bauen, die sich besser recy­clen lassen. Gespeist wird die Recycling-Armee mit überschüssigem Strom aus Windkraftwerken und Sonnenkollektoren. Das heisst, immer wenn der Wind besonders heftig bläst und die Sonne intensiv scheint, werden die Recycling-Roboter zum Leben erweckt und gehen ans Werk.

Was einleuchtend klingt, ist noch eine Zukunftsvision. Für Lorenz Hilty ist aber bereits heute klar: «Soll unser Leben nachhaltiger werden, müssen wir Materialkreisläufe intelligent schliessen.» Dazu braucht es auch vielversprechende Ideen, wie wir das nachhaltige Leben von morgen gestalten könnten. Hilty arbeitet daran. Der Professor für Informatik und Nachhaltigkeitsforschung an der UZH beschäftigt sich mit der Frage, wie die Digitalisierung für eine nachhaltige Zukunft genutzt werden kann. Denn er ist davon überzeugt, dass sie ein ­Schlüssel zu einer nachhaltigen Gesellschaft ist. «Die Digitalisierung bietet die Chance, enorm Energie zu sparen und dadurch die Umwelt weniger zu belasten. Und sie könnte uns helfen, eine intelligente, insgesamt umweltschonende Kreislaufwirtschaft zu koordinieren und zu orchestrieren», sagt der Forscher. Genauso offensichtlich ist für Hilty, dass wir dieses Potenzial heute noch kaum nutzen.

Unser Umgang mit digitalen Geräten selbst ist beispielsweise noch meilenweit von einer klima­neutralen Kreislaufwirtschaft entfernt. Computer, Smartphones und andere intelligente Maschinen haben ihren eigenen ökologischen Fussabdruck. Besonders in der Herstellung verbrauchen sie viel Energie und landen in immer kürzeren Abständen auf dem Müll. «Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft», sagt Lorenz Hilty, «auch die digitalen Geräte werden immer kürzer genutzt.»

Konsumenten im Hamsterrad

Angeheizt wird diese Wegwerfmentalität von den Herstellern, die laufend neue Software entwickeln und die Geräte dadurch scheinbar altern lassen – viel schneller als nötig, weil sie irgendwann nicht mehr kompatibel sind mit den neuen Programmen und Standards. Und so landen sie dann im Elektroschrott. «Als Konsumenten befinden wir uns in einem Hamsterrad», sagt Lorenz Hilty, «wir werden quasi genötigt, diesen Trend mitzumachen.»

So wird regelmässig Hardware ausser Betrieb genommen und verschrottet, die rein technisch gesehen noch ganz prima funktioniert. Und der Trend zur Verkürzung der Lebensdauer greift auf immer mehr andere Geräte über, die IT-Komponenten enthalten. «Das müsste nicht sein», sagt Hilty. Ökologisch problematisch ist diese Wegwerfmentalität allein schon deshalb, weil weniger als ein Drittel der Materialien, die in IT-Geräten stecken, durch Recycling zurückgewonnen werden.

Recht auf Reparatur

Einen möglichen Ausweg aus diesem Dilemma sieht Lorenz Hilty in einem «Recht auf Reparatur», das die EU für Elektrogeräte vorbereitet und das die Schweiz voraussichtlich übernehmen wird. Reparaturen müssen mit allgemein zugänglichen Werkzeugen ausführbar sein. In den USA gibt es ein solches «Right to repair» bereits bei Autos. Es verlangt, dass ein Wagen so gebaut sein muss, dass nicht nur eine autorisierte Werkstatt, sondern jeder Automechaniker oder handwerklich versierte Besitzer ihn reparieren kann. «Analog dazu könnte man sich auch ein solches Recht für IT-Produkte vorstellen», sagt Hilty. Die Geräte müssten dann so aufgebaut sein, dass sich ein Akku oder eine Smart­phone-Kamera relativ einfach auswechseln lassen. Heute ist das oft fast nicht möglich, weil die Teile sehr stark integriert sind. Wären die Geräte dagegen modularer aufgebaut, könnten Repair-­Shops sie viel besser flicken. «So könnte vermeintlich alte Hardware so betrieben werden, dass man längerfristig damit völlig happy ist.» Damit würden auch die Konsumenten in ihrer Eigenverantwortung gestärkt: Jede und jeder könnte für sich selbst entscheiden, was sein/ihr Gerät leisten muss, und wäre weniger von den Herstellern abhängig.

Videokonferenz statt fliegen

Flugreisen von Mitarbeitenden sind für rund ein Drittel der Treibhausgas-emissionen der UZH verantwortlich. Dies hält der UZH-Nachhaltigkeitsbericht 2018 fest. Viele Flüge lassen sich aber vermeiden und dadurch die Belastung der Umwelt erheblich verringern, sagt Lorenz Hilty, der auch Nachhaltigkeitsdelegierter der UZH ist. «Es ist nicht immer notwendig, Forschungskollegen und Geschäftspartnerinnen physisch zu treffen, um Gedanken auszutauschen», sagt er, «man sollte sich deshalb jeweils gut überlegen, ob ein Flug gerechtfertigt ist oder nicht.»

Mittlerweile gibt es umweltschonende Alternativen zum Fliegen: Beispielsweise lassen sich viele Reisen zu Arbeitsgesprächen und wissenschaftlichen Konferenzen durch Videokonferenzen vermeiden. Hilty selbst hat schon eine Konferenz mit über 500 Personen in zwei Kongresszentren durchgeführt, wobei die Standorte in Japan und in der Schweiz durch modernste Videotechnik verbunden waren. Das virtuelle Stelldichein vermittelte nicht nur zwischen Vortragenden und Publikum, sondern deckte auch den informellen Teil ab. In den Kaffee- und Essenspausen konnten sich die Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmer über Bildschirme an Stehtischen spontan austauschen. Die Erfahrungen, die Hilty damit gemacht hat, sind positiv. «Die Leute haben diese Form des Austauschs gut aufgenommen», sagt er. Das Problem von Online-Konferenzen heute sei, dass sie technisch oft schlecht gemacht werden und deshalb wenig attraktiv sind.

So ist ein guter Ton unabdingbar, wenn die virtuelle Präsenz angenehm sein soll. Die Verzögerung darf höchstens 150 Millisekunden betragen, weil die Sprecher sich sonst gegenseitig ins Wort fallen. «Man muss versuchen, es gut zu machen», sagt Hilty, «das wird heute oft zu wenig ernst genommen.» Beachtet man dagegen einige Grundregeln, haben Videokonferenzen eine grosse Zukunft, ist der Nachhaltigkeitsforscher überzeugt.

Seine Grosseltern hätten sich noch ans Telefon gewöhnen müssen, sagt er. Mit der Zeit wurde das Telefonieren so selbstverständlich, dass es sogar für Liebeserklärungen gut genug war. Ähnlich könnten auch Videokonferenzen alltäglich werden. «Gerade in der akademischen Welt entwickelt sich die Kultur der virtuellen Präsenz sehr langsam», sagt Hilty. Er selbst fliegt seit 2017 nicht mehr. Zu Konferenzen und Arbeitssitzungen fährt er mit dem Zug oder er schaltet sich per Video zu. «Seither fühle ich mich viel kongruenter», sagt der Forscher, «ich muss keinen Spagat mehr machen zwischen dem, was ich sage, und dem, was ich tue.»