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Kinder haben – Das Glück im stillen Winkel

Kinder zu haben, macht glücklich, glauben viele. Doch oft ist das Gegenteil der Fall. Eltern zwischen 40 und 50 sind weniger zufrieden als Gleichaltrige ohne Kinder.

Text: Thomas Gull

Kinder zu bekommen, macht aus der Zweierkiste eine Familie. Für viele Paare ist der Wunsch, eine solche zu gründen, ein zentraler Aspekt ihrer Beziehung. Die Kinder auf der anderen Seite finden sich wie die Jungvögel in einem Nest wieder, das die Eltern für sie gebaut haben. Bei uns in der Schweiz ist dieses Nest meist die Kernfamilie: Mama, Papa, Kinder. Gut ein Viertel der Familien sehen allerdings anders aus: Alleinerziehende, Patchwork- oder Regenbogenfamilien mit gleichgeschlechtlichen Eltern. Die Fortpflanzungsmedizin trägt dazu bei, dass neue Familienformen und biologische Verwandtschaften möglich werden. «Wenn man alle Optionen der Reproduktionsmedizin nutzen würde, käme man auf bis zu sechs Elternteile», sagt Theologe Michael Coors: «Damit verändert sich auch das Verständnis von Elternschaft.» Diese, sagt Coors, definiere sich deshalb nicht mehr nur biologisch, sondern immer öfter auch sozial. Das gilt für gleichgeschlechtliche Paare, bei denen nur ein Elternteil genetisch mit dem Kind verwandt ist, und für Patchworkfamilien, in die die Eltern ihre Kinder aus früheren Beziehungen einbringen.

Geplagte Regenbogenkinder

Biologische Eltern? Soziale Eltern? Den Kindern, könnte man denken, ist das egal, vorausgesetzt, jemand kümmert sich (hingebungsvoll) um sie. Psychologe Guy Bodenmann bestätigt diese Annah­me zumindest teilweise, wenn er sagt: «Wichti­ger als die Familienform ist, welches Klima in der Fami­lie herrscht, wie man miteinander umgeht, wie viel Wohlwollen, Unterstützung und Förderung in der Familie erlebt wird. Und wie stark der Zusammenhalt ist und die Fähigkeit, sich anzupassen.» ­Familie zu leben, bedeutet, eigene Bedürfnisse und die der anderen abzugleichen, Kompromisse ­einzugehen.

Wie Bodenmanns Forschung zeigt, gibt es Faktoren, die eine gesunde Entwicklung der Kinder unterstützten: die Quantität und Qualität der Zeit, die Eltern mit den Kindern verbringen; die psychisches Gesundheit der Eltern und damit verbunden die Fähigkeit, auf die kindlichen Bedürfnisse einzugehen, sowie angemessene Erziehungskompetenzen. Wichtig ist zudem die Qualität der Beziehung der Eltern. Sind diese Bedingungen erfüllt, ist die Familienform sekundär. Das gilt auch für Regenbogenfamilien, betont der Psychologe. Mit zwei Müttern oder zwei Vätern aufzuwachsen, ist unproblematisch: «Wie die meisten Studien zeigen, gibt es keine bedeutenden Unterschiede zu heterosexuellen Familien», sagt Bodenmann. Allerdings werden Kinder mit solchen Familienkonstellationen öfter von anderen Kindern geplagt: Fast die Hälfte der Regen­bogenkinder machen diskriminierende Erfahrungen.

Die Kleinfamilie – ein Hollywood-Klischee

Am unauffälligsten entwickeln sich jedoch Kinder, die in klassischen Familien mit Mutter und Vater aufwachsen, betont Bodenmann: «Sie zeigen am wenigsten Verhaltens- und psychische Probleme. Ungünstiger schneiden Familien mit nur einem Elternteil ab oder komplexe Patchworkfamilien.

Die bürgerliche Kleinfamilie als sicherer Hort und Hafen also? Durchaus, sagt Bodenmann. Gerade in Zeiten der Globalisierung und hoher politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit ist ein Trend zurück zur Familie zu beobachten – «die Familie als stabilisierende Idylle, das Glück im stillen Winkel» werde wieder wichtiger. Während draussen in der unübersichtlichen, immer komplexeren Welt die Stürme toben, sucht man Geborgenheit im Kreis der Familie.

Wie der Blick zurück zeigt, ist das sichere und gemütliche Nest der bürgerlichen Kleinfamilie ein historisch neues Phänomen. Historiker Simon Teuscher bezeichnet diese Familienform als «Hollywood-Klischee aus den 1940er-Jahren, mit einem Bild der Hausfrau, die zu Hause Windeln wechselt und sich gleichzeitig sexuell anziehend macht für den Mann und Vater, der dann irgendwann von der Arbeit nach Hause kommt». Teuscher sieht das als Ergebnis einer Verengung des Familien- und Haushaltsideals in der westlichen Mittelschicht, das sich im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts etabliert hat: «Es betrachtet Mutter, Vater und die von ihnen gezeugten und aufgezogenen Kinder als abgeschlossenen Kosmos.» Problematisch sei das vor allem deshalb, findet Teuscher, weil jede Abweichung von diesem Modell als Gefährdung des Kindswohls beargwöhnt werde. Deshalb hat aus seiner Sicht das von Familienpsychologe Bodenmann favorisierte Ideal der harmonischen Kleinfamilie eine unerfreuliche Kehrseite: Es ist oft schwer zu verwirklichen. «Solche Ideale bedeuten bei den heutigen Scheidungsraten ja auch, dass viele mit ihrem Familienprojekt als gescheitert gelten – obwohl sie meist gesunde, fröhliche Kinder haben», gibt der Historiker zu bedenken.

Unserem Nachwuchs widmen wir uns heute hingebungsvoll. Doch auch das war nicht immer so, wie Teuscher betont: «Eigenhändig Kinder aufzuziehen, war bis etwa 1950 vor allem ein Unterschichtsphänomen.» In bürgerlichen Familien wurde die Kindererziehung delegiert – an Erzieherinnen und Kindermädchen. Wenn wir noch weiter zurückschauen in die Zeit, in der sich Mittelalter-Historiker Teuscher gut auskennt, so gab es dort ein eigentliches Aufzuchts-Outsourcing: «Wer es sich leisten konnte», so Teuscher, «überliess oft schon das Stillen und die Betreuung von Kleinkindern einer bezahlten Amme.» Toskanische Oberschichtsfamilien im 14. und 15. Jahrhundert etwa gaben ihre Neugeborenen gerne zu reichen Bauernfamilien aufs Land. Bis sie aus dem Säuglingsalter raus waren, liess man die Kinder dort und besuchte sie gelegentlich am Sonntag, erzählt Teuscher. Die Bauernfamilien wiederum brachten ihre Babys ärmeren Familien. «Es gab so etwas wie eine Betreuungskaskade, vergleichbar mit den Nannys aus dem Ausland, wie wir sie heute kennen», sagt Teuscher.

Heute besteht der Luxus nicht mehr darin, seine Kinder weggeben zu können, sondern Zeit zu haben, um sich ihnen zu widmen. «Wer reich ist», sagt Teuscher, «demonstriert das gerne, indem er oder sie die Kinder samt Kinderfrau auf den Spielplatz begleitet.»

Mehr Stress, weniger Glück

Der Stellenwert der Kinder im Leben der heutigen Eltern ist ein ganz anderer als bei früheren Generationen, als Frau und Mann sich noch nicht bewusst für Kinder entscheiden konnten – Kinder zu bekommen, und sie oft auch bald wieder zu verlieren, war eine Fügung des Schicksals. Entsprechend war Kinderkriegen nicht so emotional aufgeladen. Heute sind für Eltern ihre Kinder und die Beziehung zu ihnen essenziell für ein gelungenes, glückliches Leben. Nur: Machen Kinder wirklich glücklich? Die Antwort der Forschung darauf ist ambivalent. Viele wünschen sich zwar Kinder, aber wenn sie dann da sind, sind sie oft weniger glücklich als erhofft. So nimmt die Zufriedenheit, der wissenschaftliche Indikator für «Glück», der Partner nach der Geburt ab. Frauen ohne Kinder sind zufriedener als solche mit, im Verhältnis von 60 zu 40. «Nach der Geburt sinkt die Zufriedenheit am stärksten», sagt Paarpsychologe Bodenmann, «der Stress nach der Geburt ist maximal». Der Stress bleibt auch später ein Thema, denn mit Kindern ist es wie mit der Kunst: Sie zu haben, ist schön, macht aber viel Arbeit. Und sie sind eine ökonomische Belastung.

Deshalb sind Eltern zwischen 40 und 50 weniger zufrieden als Gleichaltrige ohne Kinder. Später im Leben verkehren sich die Verhältnisse: Ältere Menschen, die eine Familie haben, sind zufriedener als solche ohne. Philosophin Barbara Bleisch hat eine Erklärung für beide Phänomene: «Kinder geben dem Leben Tiefe und Sinn. Das wird vielen gerade auch dann bewusst, wenn sie auf ihr Leben zurückschauen.» Zur Glücks-Baisse von Eltern im mittleren Erwachsenenalter sagt sie: «Manchmal hängt unsere Lebenszufriedenheit eben nicht nur vom Sinn ab, den wir darin sehen, sondern auch davon, ob wir genug Schlaf bekommen.»

 

Universitärer Forschungsschwerpunkt

Human Reproduction Reloaded

Vor über vierzig Jahren kam Louise Brown zur Welt – das erste Kind, das mit Hilfe der In-vitro-Fertilisation gezeugt wurde. Die Reproduktionsmedizin hat sich seither stetig weiterentwickelt und die Möglichkeiten des Kinderkriegens verändert und erweitert. In der Schweiz werden jährlich über 2000 Kinder mit Unterstützung der Fortpflanzungsmedizin geboren. Mit den wachsenden technologischen Möglichkeiten stellen sich auch neue soziale, ethische und rechtliche Fragen – etwa im Zusammenhang mit dem Social Freezing, dem Einfrieren von Eizellen für eine spätere In-­ vitro-Fertilisation, der genetischen Selektion von Embryonen, Keimzellspenden oder dem künftigen Einsatz der Genschere Crispr/Cas in der Reproduk­tionsmedizin. Am neuen Universitären Forschungsschwerpunkt «Human Reproduction Reloaded» der UZH wird ein interdisziplinäres Forschungsteam unter der Leitung der Rechtsprofessorin Andrea Büchler in den nächsten acht Jahren sich mit diesen und weiteren Fragen auseinandersetzen und die möglichen Folgen für Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft analysieren.