zwei Frauen

Kinder wünschen – Neu anfangen

Das Kinderkriegen ist heute für viele ein aufwändig betriebenes Lebensprojekt. Doch weshalb wünschen wir uns überhaupt Nachwuchs?

Text: Roger Nickl

Der Wunsch nach Kindern keimt in den meisten von uns auf – früher oder später. Er ist Teil unseres evolutionären Programms, das sich von Genera­tion zu Generation von neuem abspult. Wir scheinen gar nicht anders zu können. Diesen Schluss legt eine Erhebung des Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2018 nahe. Sie zeigt, dass über 90 Prozent aller befragten Schweizerinnen und Schweizer im Alter zwischen 20 und 29 Jahren sich Kinder wünschen – am liebsten zwei (61,4 Prozent) oder drei (25,8 Prozent). Nur 4 Prozent möchten nur ein Kind und lediglich 8,8 Prozent wollen kinderlos bleiben. Das hat Folgen für das Sozialleben. Rund sieben von zehn Frauen und gut sechs von zehn Männern im Alter von 25 bis 80 Jahren sind Eltern eines oder mehrerer Kinder. Das heisst, eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung in der Schweiz hat Kinder und Familie.

Doch weshalb wünschen wir uns überhaupt Kinder? «Eltern zu werden, ist für viele von uns sinnstiftend», sagt der Ethiker und Theologe Michael Coors, Vater von vier Kindern, «wir wollen etwas von uns weitergeben und für jemanden da sein.» Das bedeutet auch, dass es im Kinderwunsch nicht allein um den künftigen Nachwuchs geht, sondern auch immer um die Eltern selbst. Das Kinderkriegen ist heute für viele ein aufwändig betriebenes Lebensprojekt, geradezu ein Lebens­ideal.

Kinderwunsch auf Eis legen

Möglich gemacht hat dies die Entwicklung effektiver Verhütungsmethoden. Seit die Antibabypille in den 1950er-Jahren auf den Markt kam, ist das Kinderkriegen planbarer geworden. Dazu beigetragen haben auch die Errungenschaften der Reproduktionsmedizin, die die Zeugung von Kindern im Reagenzglas und das Social Freezing ermöglicht haben. Letzteres erlaubt es Frauen, in jüngerem Alter Eizellen einzufrieren und so den Kinderwunsch für bestimmte Zeit auf Eis zu legen. Bis sie zum Beispiel einen geeigneten Partner für die Familiengründung gefunden haben oder bis die Karriere aufgegleist ist. Die Möglichkeit zum Social Freezing hat amerikanische Firmen bereits dazu veranlasst, ihren Mitarbeiterinnen eine Behandlung zu finanzieren, damit sie in ihrer vermeintlich produktivsten Phase im Arbeitsleben für das Unternehmen da sein können.

 «Im Gegensatz zu früher ist die Familiengründung in unseren Breitengraden oft ein aktiver Entscheid. Mit der Freiheit einher geht aber auch ein Mehr an Verantwortung. Eltern wollen heute auch gute Eltern sein, und die Ansprüche an sie steigen», sagt die Philosophin Barbara Bleisch, Mutter von zwei Kindern, die zusammen mit der UZH-Rechtswissenschaftlerin Andrea Büchler, ebenfalls Mutter von zwei Kindern, ein viel beachtetes Buch zum Thema «Kinder wollen» geschrieben hat, das in diesem Frühjahr herausgekommen ist.

Weniger emotional

In der Vergangenheit wurden Kinder dagegen kaum geplant, sie sind vor allem passiert. Man hatte viele Kinder, die Kindersterblichkeit war hoch und viele Frauen starben im Kindbett. «Der Nachwuchs diente vor allem der ökonomischen Absicherung», sagt Psychologe Guy Bodenmann, Vater von drei Kindern, «entsprechend war die Beziehung zu Kindern und zum Thema Kinderkriegen viel weniger emotional als in der Gegenwart.» Heute ist es genau umgekehrt: Kinder sind zu einer grossen Investition geworden – gefühlsmässig und finanziell. Eben zu einem Projekt, in das wir viel Zeit, Liebe und Energie stecken.

Im unserem Wunsch nach eigenen Kindern spiegelt sich nicht nur das Bedürfnis, unsere Gene weiterzugeben und uns zu reproduzieren, sondern auch soziale Erwartungen, die im Hintergrund wirken: «Viele fühlen sich nur komplett und erfüllt, wenn sie Kinder und Familie haben», sagt Paar- und Familienpsychologe Guy Bodenmann. Das betrifft insbesondere Frauen, die in der Gesellschaft immer noch stark mit der Mutterrolle identifiziert werden. Der Wunsch, Mutter zu werden, sei Frauen allerdings nicht angeboren, sondern kulturell gemacht, wandte die französische Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir dagegen ein. Und übrigens sei auch der Gedanke, sich in der Fortpflanzung zu reproduzieren, historisch gesehen neueren Datums, meint UZH-Historiker Simon Teuscher. «Heute wollen wir uns in unseren Kindern verwirklichen und ersetzen», sagt Teuscher, «im Mittelalter war dagegen das Motiv wichtig, die diesseitige und die jenseitige Welt zu bevölkern.»

Gabe Gottes

Auch Bibeltexte setzen sich immer wieder mit dem Kinderkriegen auseinander. «Man kann sie oft als Spiegelbild zu heute lesen», sagt Michael Coors, «viele Kinder zu haben, war ein Segen, eine Gabe Gottes.» Auch das war – in einem religiösen Kontext – sinnstiftend. In der säkularisierten Welt der Gegenwart stiften wir uns dagegen selber Sinn, indem wir uns für Kinder entscheiden. Und setzen damit ein Zeichen für die Zukunft. «Elternschaft ist mit der Hoffnung verbunden, dass, wie Hannah Arendt es so schön formuliert, ein Neuanfang möglich ist», sagt Barbara Bleisch.