«Humor ist befreiend, wir können uns damit von der Welt und von uns selbst distanzieren.»

These Nr.1: Humor macht uns stark

Stellen Sie sich vor, ein Tornado fegt über Ihre Stadt beschädigt Ihr Haus und ein Baum fällt auf Ihr Auto und macht es platt. Können Sie auf diese Art von Schicksalsschlag mit Humor reagieren? Offenbar ist das jenen US-Amerikanern gelungen, die ihr zerstörtes Auto vor dem Haus in Trümmern mit dem Schild «compact car» versahen. Humorforscher Paul McGhee hat das Foto in der Zeitung gesehen. Für ihn war klar: Wer so was kann, verfügt über einen starken Humor, der ermöglicht, auch mit schwierigen Situationen fertigzuwerden. «Das ist ein gutes Beispiel für Humor, der unsere Widerstandskraft stärkt», sagt McGhee, «er hilft uns, einen negativen Gemütszustand in einen positiven zu verwandeln.» Im Fall des «kompakten Autos» gilt dies nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für die Nachbarn, die vom Tornado ebenso schwer getroffen wurden, und für alle, die das Foto in den Zeitungen sahen. Das Schild sagt klar und deutlich: Wir lassen uns nicht unterkriegen! Die Wissenschaftler nennen das Resilienz, die psychische Widerstandkraft, die uns wie Boxer Rocky Balboa nach jedem scheinbaren K.-o.-Schlag wieder aufstehen und weiterkämpfen lässt.

«Humor hilft uns, negative Emotionen zu reduzieren und so schwierige Situationen zu bewältigen», sagt UZH-Psychologe Willibald Ruch. Wenn wir uns nach einem schweren Schlag wieder aufrappeln wollen, hilft eine positive Grundhaltung, Kräfte zu mobilisieren und eine positive Perspektive für die Zukunft zu entwickeln. Das berühmte Glas ist immer gleich voll, aber je nachdem, welche mentale Haltung wir dazu einnehmen, ist es halb leer oder halb voll. Haus ohne Dach, Auto flach wie eine Flunder? Halb so schlimm, wir haben das Unglück heil überstanden und krempeln jetzt die Ärmel hoch!

Humor hilft uns ganz allgemein, besser mit schwierigen Lebenssituationen umzugehen, indem wir über uns selbst lachen. Paul McGhee erzählt dazu einen Witz: Ein älteres Paar, beide sind etwas vergesslich. Sagt sie zu ihm: Soll ich dir eine Kugel Glace bringen? Sagt er: Ja, gerne, aber vergiss den Löffel nicht! Nach einer Weile kommt sie aus der Küche und bringt ihm einen Teller mit Rührei. Sagt er zu ihr: Siehst du, ich habe dir gesagt, du vergisst den Toast!

Wie Humor Demenzkranken hilft, untersucht der Kulturwissenschaftler Malte Völk vom Institut für Populäre Kulturen der UZH. Er analysiert Tagebücher von Demenzkranken und ihren Angehörigen. Dort, ist ihm aufgefallen, spielt Humor eine wichtige Rolle. Zeichnet sich eine Demenzkrankheit ab, wird vieles, was im Alltag bisher selbstverständlich war, in Frage gestellt: Das Sprechen wird fehlerhaft, die Orientierung schwierig und das Gedächtnis löchrig. «Das ist zuerst einmal extrem frustrierend», sagt Völk, «indem man die Situation aber nicht immer ganz ernst nimmt, können Betroffene davon Abstand nehmen und damit wieder ein Stück Souveränität zurückgewinnen.» Gelacht wird über Fehlleistungen, Verwirrtheiten und Missgeschicke. So erzählte beispielsweise eine demenzkranke Frau in einem Interview, das Völks Kollegin Valerie Keller führte, von einem Gedächtnistest, den sie in einer Klinik machen musste. Das sei absolut einfach gewesen, berichtete die Frau lachend: «Chrüzli-Zeug», das seien «Tubelifragen» gewesen – aber sie sei hochkant durchgefallen.

Valerie Keller untersucht im Projekt «Selbstsorge bei Demenz» am Institut für Populäre Kulturen unter anderem, welche Chancen ein humorvoller Umgang mit sich selbst im Fall einer Demenzerkrankung bietet. In den Gesprächen mit Demenzpatientinnen und -patienten ist der Forscherin aufgefallen,  dass diesen meist bewusst war, wenn sie sich falsch verhielten oder sich ungeschickt anstellten. Dies sei so absurd, darüber könne man eigentlich nur lachen, meinten einige Betroffene. Humor ist so gesehen eine bewährte Selbsttechnik, um mit Demenz besser umzugehen. «Humor ist befreiend, wir können uns damit  von der Welt und von uns selbst distanzieren, um quasi in einer Pendelbewegung gestärkt wieder zurückzukehren», sagt Malte Völk – Humor als eine Art innerer Urlaub, den wir uns nehmen können, um wieder Kraft zu schöpfen, gerade in existenziellen Krisen.