Heute ist in Europa und den USA der faustdicke politische Humor angesagt.

These Nr. 3: Humor ist subversiv

Donald Trump als Arzt zu den Eltern: «Wir mussten die lebensrettenden Geräte leider abschalten.» «Steht es wirklich so schlimm um unseren Sohn?» Darauf Doktor Trump: «Nein, aber ich musste mein Handy aufladen, damit ich noch einen Tweet absetzen kann.» Mit Witzen wie diesem frotzelt der amerikanische TV-Mann Trevor Noah in seiner «Daily Show» regelmässig über den US-Präsidenten. Noah ist einer von vielen Entertainern, Komikern und Kabarettisten, die das amerikanische Staatsoberhaupt auf die Schippe nehmen. Trump-Satiren und -Parodien beleben das Geschäft, der Stoff für Pointen scheint unerschöpflich.

Auch über Recep Tayyip Erdogan wird immer wieder gelacht. 2016 versetzte der Kabarettist Jan Böhmermann mit einer «Schmähkritik» am türkischen  Präsidenten Deutschland in Aufregung und sorgte für heftige Debatten über die  Meinungs- und Kunstfreiheit – auch, weil er für seine Satire verklagt wurde. Bei Politikern kommen Satiren, Witze und Parodien oft weniger gut an als beim Publikum. Der türkische Präsident Erdogan hat 2016 rund 300 Anzeigen gegen Künstler, Satiriker, Humoristen und Blogger eingereicht, die sich über ihn lustig machten. «Autokraten haben meist wenig Sinn für Humor», sagt Sylvia Sasse. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin interessiert sich für den  politischen und künstlerischen Untergrund, vor allem in Osteuropa und  Russland. Und sie beschäftigt sich mit humorvollen künstlerischen und  politischen Lachstrategien. «Humor entlastet uns und führt uns die Unzulänglichkeiten der Welt vor Augen», sagt Sasse, «und er reflektiert die Machtbeziehungen in der Welt.» So gesehen sind Lachen und Kritik eng miteinander verbunden.

Sasse erforscht ein künstlerisches Verfahren, das auf eigene Weise Lachen und Kritik zusammenbringt: die subversive Affirmation. Politische Haltungen in Frage stellen, indem man sie bestätigt? Hinter dem auf den ersten Blick widersprüchlichen Begriff steht die Idee, den politischen Gegner mit den eigenen Waffen zu schlagen, indem seine Argumente parodistisch so überhöht werden, dass die Ideologie dahinter sichtbar wird. Subversiv-affirmative Inszenierungen gehen dorthin, wo es weh tut.

Ein Beispiel dafür war die Kunstaktion «Ausländer raus!» des mittlerweile verstorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief 2000 in Wien. Vorbild war die damals erfolgreiche TV-Show «Big Brother», bei der Kandidatinnen und  Kandidaten in Containern zusammenlebten und vom Publikum abgewählt werden konnten. Schlingensief stellte auf dem Wiener Herbert-von-Karajan-Platz Container auf, in denen acht Asylbewerber hausten. Sie konnten in täglich stattfindenden Online-Abstimmungen abgewählt werden. In diesem Fall hiess das, ausser Landes geschickt zu werden.

Die Container waren mit Plakaten der ausländerfeindlichen Partei FPÖ zugeklebt, die kurz zuvor in Österreich Regierungspartei geworden war. Als «Begleitmusik» zitierte Schlingensief rassistische Ansprachen des damaligen FPÖ-Vorsitzenden Jörg Haider. «Das war ziemlich komisch – weder die Linke noch die Rechte waren in der Lage, die Aktion gut zu finden, alle waren irritiert», erinnert sich Sylvia Sasse, «aber die Übertreibung hat die Leute zum  Nachdenken gebracht.» Genau darin sieht die Kulturwissenschaftlerin eine Stärke von Kunst: Sie kann uns aus eingeschliffenen Denkmustern herausführen und Alltagswahrnehmungen reflektieren – mit den Mitteln von Satire,  Parodie und Humor.

Sylvia Sasse ist in der DDR aufgewachsen. Legendär waren dort die Radio-Jerewan-Witze, die leise politische Kritik übten. Der Witz bestand darin, dass die Redaktion des fiktiven Radiosenders Jerewan Fragen von Hörern  beantwortete – immer nach demselben Muster: «Wäre es möglich, in einem hochindustrialisierten Land den Sozialismus einzuführen?» Antwort: «Im Prinzip Ja, aber es wäre schade um die Industrie.» Wurde im ehemaligen Ostblock die humorvolle Anspielung kultiviert, ist heute in Europa und den USA der faustdicke politische Humor angesagt. «Die Politik insgesamt ist obszön geworden», sagt Sasse, «man macht sich nicht mehr die Mühe, etwas zu verstecken. Trump beispielsweise sagt, ohne mit der Wimper zu zucken, was er denkt und was er will.» Entsprechend unverblümt agieren Komiker und Kabarettisten wie etwa Sascha Baron-Cohen und überbieten sich in derb-dreisten Sketchen. Präsidenten wie Trump oder Erdogan haben eine  Renaissance der Politiker-Parodie eingeleitet.

Zuweilen kann Satire zum Rechtsfall werden, wie der Fall von Jan Böhmermanns «Schmähkritik» am türkischen Staatsoberhaupt zeigt, für die er verklagt wurde. Das Verfahren wurde mittlerweile allerdings eingestellt. «Solange man über Satire streiten kann, allenfalls auch vor Gericht, ist alles in Ordnung», sagt Sylvia Sasse, «problematisch wird es, wenn jemand sagt, was Humor darf und was nicht, wie das bei autoritären Regimen oft  der Fall ist.» Insofern ist der Umgang mit Satire und Humor auch ein Stück demokratische Kultur.