Stalin liess bei Schauprozessen die Angeklagten auslachen.

These Nr. 6: Humor ist eine Waffe

Lachen kann heiter und versöhnlich sein, es kann aber – etwa wenn jemand gezielt ausgelacht wird – zerstörerisch und zersetzend wirken. Dies zeigt ein Blick auf die russische Geschichte. In den 1930er-Jahren schmorte der Literaturwissen-schaftler und -theoretiker Michael Bachtin in der Sowjetrepublik Kasachstan in der Verbannung. Stalin hatte ihn dorthin geschickt, weil er angeblich einer konterrevolutionären Gruppe angehörte. Bachtin befand sich damit in einer Lage, die eher nicht zum Lachen war. Dennoch vergrub er sich in die Literatur und entwickelte daraus seine Theorie des karnevalesken Lachens, die zu einem wegweisenden Buch über die Lachkultur in Mittelalter und Renaissance wurde.

Bachtin analysierte François Rabelais’ parodistischen Ritterromanzyklus «Gargantua und Pantagruel» aus dem 16. Jahrhundert, der sich um das Schicksal zweier Riesen dreht. Die derbe Volkskomik, die Flüche und die handfesten Witze in Rabelais’ Büchern begeisterten den Forscher. In Rabelais’ Romanen wird eine karnevaleske, verkehrte Welt gezeichnet – die hohen Stände sind die niederen und umgekehrt. Die Machtverhältnisse stehen auf dem Kopf. «Das Volk bei Bachtin ist revolutionär, weil es keine Angst hat», sagt Sylvia Sasse, «es lacht und zeigt damit, dass es die herrschaftlichen Hierarchien nicht akzeptiert.» Bachtin stellt die Kultur des Lachens einer Kultur des Ernstes gegenüber. «Letztere wir durch Kirche und Staat repräsentiert, die im Lachen eine Gefahr für die bestehenden Machtverhältnisse sehen», sagt der Germanist Davide Giuriato.

Die sowjetischen Machthaber konnten mit Bachtins Studie gar nichts anfangen. Zwar gab es in der Sowjetunion in den 1920er-Jahren Spottprozessionen gegen die Kirche, an denen obszöne Lieder gesungen und die Heiligen verhöhnt wurden. Doch solche Lachaktionen waren vom Staat verordnet. Ganz anders sah es aus, wenn der Staat selber zur Zielscheibe von Humor und Spott wurde. Bachtins Buch wurde als Bedrohung empfunden, seine Veröffentlichung  verhindert und es wurde als Dissertation abgelehnt.

Als Bachtins Studie «Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur» 1965 veröffentlicht wurde – fast dreissig Jahre später – war es eine literaturtheoretische Sensation und sorgte für viele Debatten. Das Buch wurde einerseits «als subversiver Akt gegen die offiziell verordnete Volksfröhlichkeit zu Zeiten des Terrors» gefeiert, andererseits wurde aber auch kritisiert, Bachtin habe verkannt, dass das Lachen selbst auch ein radikales Mittel der Macht und des Terrors sei. «Beispiele dafür gibt es nicht nur in der russischen Geschichte viele», sagt Sylvia Sasse. Iwan der Schreckliche (1530–1584) etwa inszenierte für sich immer wieder kleine Privatkarnevals. Der Zar verkleidete sich als Narr und setzte einen Untertan als Herrscher ein. Über diesen machte er sich dann lustig und liess ihn schliesslich wegen schlechter Amtsführung köpfen. «Der Zar tat das zu seinem persönlichen Vergnügen, gleichzeitig demonstrierte er damit die totale Macht», sagt Sasse, «er stellte klar, dass der Herrscher auch im Spiel noch Ernst macht.» Auch Stalin setzte das Lachen in den 1930er-Jahren gezielt als Machtinstrument ein. An Schauprozessen musste das Publikum angeklagte Systemgegner zuweilen auslachen. Nachdem die Angeklagten ihre auswendig gelernten Geständnisse vorgetragen hatten, wurden sie so vollends erniedrigt. «Das ist eine terroristische Form des Lachens», sagt Sylvia Sasse, «es unterstreicht die voll ständige Machtlosigkeit der politischen Gegner.»