Friedhof der süditalienischen Insel Lampedusa

Das Los der namenlosen Toten

Was geschieht mit Bootsflüchtlingen, die das Ufer nie erreichen? Die Frage lässt Religionswissenschaftlerin Daniela Stauffacher keine Ruhe. In Süditalien erforscht sie den offiziellen und den rituellen Umgang mit den Opfern der Migration.

Von Michael T. Ganz

Anfang Oktober flog Daniela Stauffacher einmal mehr nach Lampedusa, um einer Gedenkzeremonie beizuwohnen. Es war der Jahrestag einer jener vielen Bootskatastrophen, bei denen afrikanische Flüchtlinge ums Leben kamen. Gedenkzeremonien sind für Lampedusa ein gutes Geschäft. Wann sonst finden zweitausend teils prominente Gäste den Weg auf die winzige Insel mitten im Meer? Von den sogenannten «Solidaritätstouristen», die sich hier die namenlosen Gräber und die Karkassen gestrandeter Flüchtlingsboote ansehen, wird Lampedusa nicht reich.Noch auf dem Rückflug nach Zürich las Daniela Stauffacher dann die Nachricht: Flüchtlingsschiff vor Lampedusa gekentert, 13 Frauen ertrunken, nach 20 Vermissten wird weiterhin gesucht. Schon am nächsten Tag sass sie wieder im Flugzeug. «Lampedusa ist zum Schauplatz für Politiker und Gutmenschen geworden», sagt sie. «Ich wollte schauen, wer kommt, wenn die Insel plötzlich wieder Bühne ist für Alltag und Tod.»

Auch diesmal tat die 32-jährige Religions­wissenschaftlerin das, was sie im Lauf ihres Forschungsprojekts schon immer getan hat: Sie sprach mit den Menschen, den Lebenden. Mit einem ­Fischer, der ihr seine Angst gestand, die Netze auszuwerfen und Flüchtlingsleichen an Bord zu ziehen. Mit einer schwangeren Tunesierin, die beim Bootsunglück gerettet wurde, Familie und Freunde verloren hatte und einsam am Hafen sass. Mit dem Bürgermeister, der sich der Bestattungsvorbereitungen wegen einmal mehr mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert sah. Und sie sprach mit einem Augenzeugen und erfuhr, wie sich das Unglück zugetragen hatte. Beim Abfangmanöver des italienischen Patrouillenboots waren die Flüchtlinge in Panik geraten. Sie hatten sich alle auf eine Schiffsseite gedrängt und den maroden Kahn, in den tunesische Schlepper sie gepfercht hatten, zum Kentern gebracht. «Der Klassiker», sagt Daniela Stauffacher. Sie hat dieselbe Erzählung schon mehrmals gehört.

Aufgeweichte Pässe, korrodierte Handys

«Managing Border Deaths in Southern Italy: Negotiations and Ritual Practices» – so nennt Stauff­acher ihr Dissertationsprojekt. Sie gab es beim Schweizerischen Nationalfonds ein und erhielt 2017 für vier Forschungsjahre Geld. Zwei Dinge will Stauffacher in dieser Zeitspanne herausfinden: Wie gehen die italienischen Behörden mit den namenlosen Toten um, und welche Bestattungsrituale werden ihnen zuteil? «Mich interessiert, ob und wie die Gräber der ertrunkenen Bootsflüchtlinge dokumentiert werden», erklärt die Doktorandin. Also auch, ob und wie die Verstorbenen für ihre Angehörigen im fernen Afrika auffindbar sind. «Das ist wichtig für die Hinterbliebenen – nicht nur emo­tional, sondern auch ganz pragmatisch. Gilt der Ehemann als verschollen, kann die Ehefrau in ihrer Heimat zum Beispiel keine Witwenrente beziehen.»

Noch verfügt Italien nicht über eine zentrale Datenbank, wo die Toten aus dem Mittelmeer erfasst sind. Die Leichen werden in der Regel auf Lampedusa eingesargt und nach Sizilien gebracht; die persönlichen Effekten der Verstorbenen landen bei der Polizei. «Ich habe die Polizeistation von Siracusa besucht, um mir ein Bild zu machen», erzählt Daniela Stauffacher. «Da liegen stapelweise Akten bis unter die Decke. Aufgeweichte Pässe, korrodierte Handys, verschrumpelte Notizbücher. Alles Hinweise auf die Identität der Toten.» Sie liegen dort, und nichts geschieht. Die Mehrzahl der Toten bleiben namenlos.

Namenlos bleiben deshalb auch ihre Gräber. Die sterblichen Überreste der Ertrunkenen landen auf den Friedhöfen der Region. Manchmal, so Stauffacher, werde ein Priester beigezogen, der die Toten segne. Ganz kurz nur, dann verschwänden die Särge in der Erde. Machen unsere Bestattungsrituale Sinn, wenn wir jene, die wir bestatten, gar nicht kennen? Wenn wir nicht einmal wissen, ob sie unseren oder einen anderen Glauben hatten? «Die Akteure integrieren die Toten dadurch in ihre religiöse Gewohnheit», glaubt Stauffacher. «Sie tun ihre Pflicht vor Gott. Es geht um sie, die Lebenden, nicht um die Verstorbenen – wie immer bei Begräbnissen. Bei Toten ohne Identität wird das Ritual einfach aufs Minimum reduziert.»

Ausser im Fall jenes Friedhofsarbeiters einer kleinen sizilianischen Gemeinde, von dem sich Daniela Stauffacher einst ein paar Flüchtlingsgräber zeigen liess. Der vierschrötige Mann hatte es nicht ertragen, dass die Gräber bloss mit einer Nummer versehen waren, lieblos in den Zement der Friedhofsmauer geritzt. Er hatte sich deshalb die Mühe gemacht, jedes Grab mit einem kleinen Kreuz zu versehen. Das sei sonst respektlos, egal ob Muslim oder Christ, erklärte er der zierlichen Forscherin aus der Schweiz. «Die religiöse Symbolik war seine ganz persönliche Ehrerbietung», sagt Stauffacher.

Ausgeprägter Machismo

Feldforschung in Süditalien ist kein Sonntagsspaziergang. Das war Stauffacher von vornherein klar. Damit, dass ausgeprägter Machismo ihre Arbeit belasten würde, hatte sie allerdings nicht gerechnet. Vor Ort hatte die junge Schweizerin fast ausschliesslich mit Männern zu tun und war, um an Informationen zu kommen, auf deren Gunst angewiesen. «Bei meinen ersten Reisen war ich schwanger. Da gab’s keine Probleme, da bist du in Italien heilig.» Später nahm sie ihre neugeborene Tochter mit. Auch das half gegen Aufdringlichkeiten, allerdings nur noch bedingt. Einmal wurde sie von einem Mann so sehr gestalkt, dass sie ihre Recherchen abbrechen und das Dorf verlassen musste.

Was treibt die Frau aus dem wohlhabenden Zürich an, sich trotz aller Unannehmlichkeiten dem Los der Ärmsten dieser Erde zu widmen? «Sicher nicht Mitleid und auch nicht schlechtes Gewissen», sagt Daniela Stauffacher klipp und klar. «Aber ich bin unruhig, getrieben, stets in Bewegung. Das ist es wohl, was ich mit den Migranten teile.» Und wie die Migranten lotet auch Stauffacher Grenzen aus. Sie hat es schon als Kind getan. Im Alter von sechs Jahren lief sie auf einen gefrorenen Weiher hinaus, obwohl sie genau wusste, dass es verboten und lebensgefährlich war. Sie brach ein und wäre beinahe ertrunken.

Daniela Stauffacher hat in Zürich, Paris und Berlin Religionswissenschaft, Philosophie und russische Literatur studiert. Für ihre Masterarbeit verbrachte sie mehrere Wochen im «Dschungel von Calais», jenem riesigen selbstverwalteten Flüchtlingslager, wo Migranten auf eine Überfahrt nach Grossbritannien warten. Aus der Arbeit entstand ein Buch mit dem Titel «In this place we are very far away from God». Für Stauffacher war es eine Grenzerfahrung im doppelten Sinn. «Das Lager liegt sowohl an der Grenze zum Schengenraum als auch an der Grenze des Zumutbaren. Ich wollte herausfinden, wie sich Menschen organisieren, um aus Unzumutbarem Zumutbares zu machen.»

Fischer werfen Leichen zurück ins Meer

Heute erforscht Daniela Stauffacher die Grenze zwischen Afrika und Europa, für Migranten eine Grenze zwischen Leben und Tod. Fast 19000 Bootsflüchtlinge sind in den letzten fünf Jahren im Mittelmeer ertrunken. Die wenigsten von ihnen werden jemals angespült, und die Fischer auf den Trawlern werfen die Leichen zurück ins Meer, wenn sie in die Fangnetze geraten. Sie fürchten sich vor Komplikationen.

Stauffachers Arbeit ist in der Halbzeit. Noch ein einziges Mal will sie nach Sizilien fahren, um ihre Recherchen abzuschliessen. Dann sollte sie ihre Datensammlung unter Dach und Fach haben – einen «wilden Datensatz», wie sie es nennt: Bilder, Videos, Interviews, Notizen, ja sogar Objekte, die man ihr zugesteckt hat. Die Religionswissenschaftlerin hat mithilfe der Universität ein Wiki erstellt, um die Daten in ein Netzwerk einzubinden, mit Links und Hyperlinks für Quellen und Querverweise. Nur so kann sie die Früchte ihrer zweijährigen Feldforschung ernten.

Ihre Dissertation wird Daniela Stauffacher in zwei Teile gliedern, in eine ethnografische Beschreibung ihrer Arbeit vor Ort und in die Analyse ihrer Daten. Und vielleicht arbeitet sie die Doktorarbeit dann noch in ein populärwissenschaft­liches Buch um, damit ihr Anliegen auch eine breitere Öffentlichkeit erreicht: «Mobilität ist ein Menschenrecht. Wir fahren zur Arbeit, besuchen Verwandte, reisen, ziehen um, auf sicheren Routen mit sicheren Transportmitteln. Dass gewisse Menschen daran gehindert werden, dies auch zu tun, ist verwerflich und beschäftigt mich», sagt die Religionswissenschaftlerin.

Vom Flüchtlingsboot zum Kunstobjekt

2015 sank vor Sizilien ein Flüchtlings­schiff, mehr als 900 Menschen starben. Im Rahmen ihrer Arbeit recherchierte Religionswissenschaft­lerin Daniela Stauffacher auch diese Geschichte. Und stiess auf einen Son­derfall, was den Umgang mit namen­losen Toten betrifft. Denn Italiens damaliger Premierminister Matteo Renzi hatte den «Barcone» für gut zehn Millionen Euro heben und die Leichen der Ertrunkenen gerichtsme­dizinisch untersuchen lassen, alles so medienwirksam wie möglich.

Zweimal wollte Daniela Stauffa­cher während ihrer Reisen dann den «Barcone» besichtigen, fand ihn aber nicht. Er lag gut versteckt auf einer Nato­-Basis bei Augusta. Das Gezerre um den schwerlädierten Schiffs­rumpf, das später losging, hat Stauffa­cher mit einigem Zynismus – denn ohne Zynismus lassen sich Themen dieser Art wohl kaum bewältigen – in der «NZZ am Sonntag» vom 21. Juli 2019 festgehalten.

Der Schiffbruch des «Barcone» war einer der folgenschwersten Unfälle mit Migranten weltweit. Er ist aber nicht nur deshalb ein Sonderfall. «Tote sind ungeduldig», sagt Stauffa­cher. «Einmal an Land, sind sie für die Regierung ein Risiko.» Ihrer Meinung nach hatte sich die Regie­rung Renzi mit ihrem politischen Schaulaufen in Südsizilien über­schätzt. Denn auch die vielen Toten vom «Barcone» mussten raschmög­lichst auf den Friedhöfen der Region verschwinden. Und niemand behielt den Überblick. Niemand weiss, wo sie heute liegen.

Als Sonderfall sieht Daniela Stauffacher die Geschichte des «Barcone» auch deshalb, weil sie grosse ökonomische Auswirkungen hatte. Bergung, Obduktion, Bestattung und Medienarbeit generierten gewaltige Umsätze. «Da waren ganze Industrien beteiligt», so Stauffacher. Zuletzt gesellte sich gar noch die Kul­turindustrie hinzu: Der Schweizer Künstler Christoph Büchel holte den durchlöcherten «Barcone» an die Biennale nach Venedig und erhob ihn zum Kunstwerk.