Heinz Egger

Als das Leben noch heil war

Wie geht es Familien im Schweizer Exil? Was bringen sie mit? Und was bedeuten ihnen die Erinnerungen an ihr Herkunftsland? Die Soziologin Anna Schnitzer geht den Lebensgeschichten von Migrantinnen und Migranten nach.

Von Ruth Jahn

Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns «Flüchtlinge» nennt. So beginnt Hannah Arendt ihren Essay «Wir Flüchtlinge» aus dem Jahr 1943. Die jüdische Philosophin sprichtdarin von ihrer eigenen Anfangszeit im Exil und davon, dass geflüchtete Jüdinnen und Juden oft auf ihren Flüchtlingsstatus reduziert werden. «Von diesem Ansatz gehe ich aus und nehme deshalbin meiner Forschung einen neuen Blickwinkel ein»,sagt Anna Schnitzer vom Institut für Erziehungswissenschaft.

Die Soziologin fragt nicht bloss danach, wie Integration gelingt oder welche Anforderungen hier an die Neuankömmlinge gestellt werden. Sie interessiert sich vor allem für die Geschichten und Ideen von Migrantinnen und Migranten und für ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten. Sie möchte erfahren, was Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, mitbringen, was sie erlebt haben, wie ihr Leben früher war und welche Bedeutung diese Erinnerungen für sie heute haben. Deshalb hat sie Familien mit einer Migrationsgeschichte gesucht, die ihr ihre Geschichte erzählen und sie an ihrem Familienalltag teilnehmen lassen.

Mit dem Fotoalbum auf dem Sofa

Bei ihrer Suche hat sich Anna Schnitzer, die auch Übersetzerin für Französisch ist und zu Ungleichheit, Mehrsprachigkeit und Partizipation geforscht hat, nicht auf Flüchtlinge beschränkt. Sie wollte vielmehr offenlassen, wer sich für ihr Projekt interessiert und seine Familiengeschichte erzählen will. «Ich will keinen Problemblick werfen auf die,die zu uns kommen», sagt Schnitzer. Gesellschaf- ten seien heute so durchdringend von Migration geprägt, dass sich «die Frage stellt, weshalb sie als spezielles Phänomen behandelt wird». – Ihr eigener Vater sei als junger Mensch von Südtirol nach Deutschland gekommen und sie arbeite jetzt hier als Deutsche in der Schweiz.

Vier Familien haben bereits mehrmals Besuchvon Anna Schnitzer und ihren Mitarbeiterinnen bekommen. «Wir waren froh, dass endlich einmal jemand nach uns fragt und sich für uns Fremdeinteressiert, denn das passiert uns hier in der Schweiznicht so oft», sagt die 46-jährige Cina Chávez* ausChile. Die Kontakte sind über einen Flyer-Aushangund die Vermittlung von Non-Profit-Organisationen zustande gekommen. Die Forscherinnen führen jeweils Gruppengespräche und Einzelinterviews und beobachten die Familien dazu auch begleitend:«Wir waren zu Festen, zum Tee oder zum Essen eingeladen, haben mit einer Familie auf dem Sofa Fotoalben angeschaut, durften bei anderen traditioneller Musik lauschen oder bei alltäglichen Arbeiten und Gesprächen dabei sein. Dabei sind Kinder auf unseren Schoss gekrabbelt und die meisten Familienmitglieder haben sehr offen über sich und ihr Leben gesprochen.» Anna Schnitzer hat nicht nur ein wissenschaftliches Interesse für die Menschen und ihre Geschichte. Sie fühlt auch mit. Das zeigt sich, wenn sie kleine Gesten ihrer Gesprächspartner würdigt oder Geschichten der Familien mit Lebhaftigkeit oder Rührung weitererzählt, als wären es welche ihrer eigenen Familie.

Die Mitglieder zweier Familien stammen aus Ägypten und dem Irak und sind Asylsuchende. Inden beiden anderen Familien hat je ein Elternteil Wurzeln in der Schweiz. Diese Familien sind aus freien Stücken, ohne Not oder Bedrohung aus Mittel- und Südamerika in die Schweiz gekommen, um ihren Kindern hier eine gute Schulbildung zu ermöglichen und ihnen ihre zweite Heimat zu zeigen. Insgesamt will Anna Schnitzer acht Familien ins Projekt einbeziehen. Das Ankommen, wie siedas neue Leben im Exil nennt, gestalte sich für allebisher befragten Familien schwierig und anstrengend. «Exil ist harte Arbeit», könnte man mit den Worten der türkischstämmigen Künstlerin Yil Nalter die Lage der Familien auf einen Nenner bringen.

Job finden, Sprache lernen

«In der Schweiz stehen viele Migrantinnen und Migranten vor ähnlichen Hürden», sagt AnnaSchnitzer: Die Familie müsse sich im Ankunftslandneu nden, sie brauche eine Wohnung und einnanzielles Auskommen und müsse vor allem die Sprache lernen. Bei Hannah Arendt liest sich das so: «Wir haben unseren Beruf verloren und damitdas Vertrauen eingebüsst, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Spracheverloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle.»

«Beim Ankommen passiert etwas mit den Betroffenen, da wird an den Familienstrukturengerüttelt», weiss Anna Schnitzer. Etwa dann, wenn die Mutter keine Chance mehr auf Arbeit in ihrem Beruf als Lehrerin hat, die erwachsenen Kinder hier viel schneller das Elternhaus verlassen als in der Heimat, der Vater als ausgebildeter Arzt sich mit einer Praktikumsstelle begnügen muss, oder wenn der fast sechzigjährige ehemalige Familien-ernährer und geschätzte Handwerker hier im Rah-men eines Migrationsprogramms bis abends um halb zehn Abfälle in der Badi au esen muss.

Angesichts solcher Herausforderungen spricht die Forscherin auch mal Klartext: «Wenn ich die Kürzungen im Flüchtlingswesen verfolge und mitbekomme, dass eine Familie pro Person und Tag für Essen nur noch drei Franken zur Verfügung hat, habe ich mich auch schon gefragt: Was machich eigentlich in der Wissenschaft? Ich müsste Politikmachen!» Und fügt hinzu: «Obwohl ich natürlich auch als Forscherin versuche, zu einem besseren Verständnis gesellschaftlicher Verhältnisse beizutragen und sie so auch zu beein ussen.»

Am ausführlichsten erzählen die Familien aus ihrem Leben vor der Migration, als es noch heil war und noch kein Krieg herrschte. Etwa wie es war, als noch alle unter einem Dach wohnten mit Tanten und Grossmutter. Als sie das grosseHaus mit Garten noch besassen, das von Hunden,Hühnern und Leguanen bevölkert wurde. Als die Kinder in der Strasse viele Freunde hatten. Oder die Familie Familienrat hielt und zu Pro und Contra der Immigration Kärtchen schrieb und auf dem Küchentisch ausbreitete. Und sie sich dann gemeinsam für das Projekt Auswanderung entschieden und in die Schweiz gekommen sind.

Frauen hütten Erinnerung

Auffällig sei, so Schnitzer, dass Frauen beim Erinnerneine ganz besondere Rolle einnehmen. Sie sind es meist, die die Geschichte der Familie erzählen. Ausserdem sind bestimmte Gegenstände dazu hilfreich. Das können Fotos, Musikinstrumente, alte Backförmchen sein. Sie geben Anlass, von Sitten und Bräuchen aus dem Herkunftsland zu erzählen und diese auch weiter zu pflegen. «Die Erinnerungen der Familien haben die Funktion eines Refu giums – sie helfen, das Ankommen im fremden Land zu bewältigen», ist Schnitzer überzeugt. «Sie sind die Grundlage dafür, dass sich Familien neukonstituieren und im neuen Umfeld, unter anderen Umständen, wieder zusammenfinden können.»

Nach dem Nutzen ihrer Forschung gefragt, meint Anna Schnitzer: «Ich werde nach Abschluss meines Projekts keine Handreichung zum Umgang mit Familien mit Migrationshintergrund schreiben.»Aber sie hofft, deutlich machen zu können, dass man Flüchtlinge nicht als Masse sehen sollte. Denn Familien kommen mit ganz unterschiedlichen Geschichten zu uns. «Wir sollten einen differenzierteren Blick auf die Migration werfen», sagt die Soziologin. Wie es schon Hannah Arendt in den vierziger Jahren gefordert hat.

* Namen und Herkunftsländer geändert

Ruth Jahn ist freie Journalistin.

Qualitative Sozialforschung

Alltag im O-Ton

Welche Bedeutung haben Erinnerungen für Familien mit einer Flucht- oder Migrationsgeschichte? Um diese Frage zu beantworten, nutzt Anna Schnitzer qualitative Sozialforschung. Sie führt Gespräche mit Familien und einzelnen Familienmitgliedern, fängt O-Töne ein, nimmt am Alltag teil und protokolliert, was sie beobachtet. Die Erhebungen sind aufwändig. Und es gilt, das Vertrauen der einzelnen Familienmitglieder zu gewinnen. «Deshalb wird solche qualitative Forschung nicht häufig gemacht», weiss die Soziologin. Der Vorteil dieser Methode ist, dass sie detaillierte Einblicke in das Leben von Migrantenfamilien geben kann: «Ich kann Aussagen dazu machen, wie die Familien- dynamik spielt, was es heisst, gemeinsam zu entscheiden, in ein Land zu immigrieren. Und inwiefern das Ankommen den einzelnen Mitgliedern mehr oder weniger glückt. Da käme ich über die quantitative Forschung gar nicht dran», sagt Anna Schnitzer.