«Magst du mein Flugzeug?», fragt Paul McGhee lachend und zeigt seinen Schuh

Wenn Androiden träumen

Sciene-Fiction-Autoren imaginieren in ihren Erzählungen künftige Welten. Ihre Gedankenexperimente spielen Szenarien für die Zukunft durch, sagt Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn.

Von Roger Nickl 

Vor 50 Jahren, am 21. Juli 1969, setzte der amerikanische Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuss auf den Mond. Bereits hundert Jahre vor der Mondlandung katapultierte jedoch der französische Schriftsteller Jules Verne in seinem visionären Roman «Reise um den Mond» Astronauten in einer Raketein den Orbit des Erdtrabanten. Aus der Science-Fiction-Literatur von gestern werden zuweilen die Fakten von heute. Einige der Zukunftsideen, die Autoren im 19. Jahrhundert entworfen haben, sind jedenfalls Wirklichkeit geworden. Dazu gehört auch die Kreditkarte, die der amerikanische Autor Edward Bellamy in seinem Buch «Looking Backward or Life in theYear 2000» (dt. Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887) aus dem Jahr 1888 beschreibt. «Allerdings wurde die Kreditkarte kaum deshalb erfunden, weil sie bei Bellamy vorausgedacht wurde», sagt Philipp Theisohn, «Science Fiction ist keine Industrieforschung, so funktioniert das nie.»

Peking falten

Theisohn ist Germanist und beschäftigt sich nicht nur mit Carl Spitteler und Gottfried Keller, sondern auch mit Science Fiction und der Frage, wie man die Zukunft erzählen kann – etwas also, was noch gar nicht da ist. «Zukunftserzählungen versuchen unsere Existenz zu sichern, weil wir die Ungewissheit nicht aushalten», sagt der Literaturwissenschaftler, «sie schützen uns in unserer Ausgesetztheit.» Dadurch sind sie mit den alten Mythen verwandt. Diese erzählen, wo wir herkommen, Science-Fiction-Romane dagegen zeigen, wo wir hingehen könnten. Sie stellen Hypothesen für die Zukunft auf. «Science Fiction drückt ein Erkenntnisinteresse aus, das erzählerisch gelöst werden will», sagt Theisohn. Für den Literaturwissenschaftler und Zukunftsforscher ist Science Fiction deshalb weit mehr als Geschichten, die über künftige wissenschaftliche und technische Innovationen spekulieren. Sie sind vielmehr Gedankenexperimente, die Möglichkeiten und Perspektiven für die Zukunft durchspielen.

Gute Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren entwerfen zukünftige Welten, die zwar fiktiv, aber in sich plausibel und logisch konsistent sind. Sie sind der «scientific method» verpflichtet, dem wissenschaftlichen Vorgehen beim Recher-chieren und Schreiben. Punkto Forschung sind sie auf der Höhe ihrer Zeit und haben oft auch selber einen wissenschaftlichen Hintergrund wie etwa die erfolgreiche chinesische SF-Autorin,Physikerin und Ökonomin Hao Jingfang, die vor kurzem mit ihrem Buch «Peking falten» auf sich aufmerksam gemacht hat.

Die Kombination von Fiktion und fundiertem Wissen kommt nicht nur bei Leserinnen und Lesern gut an, sie ist für Wissenschaftler und Ingenieure interessant. Deshalb sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller beispielsweise auch im Silicon Valley gefragt. Sie arbeiten dort in Think-Tanks mit, die sich mit der Welt von morgen beschäftigen. «Es geht darum, Entwicklungen und Trends zu antizipieren und sich Produkte auszumalen, die wir heute noch gar nicht brauchen», sagt Theisohn.

SF-Autorinnen und -Autoren betrachten wissenschaftliche und technologische Entwicklungen allerdings meist nicht isoliert. «Science Fiction thematisiert Technologie nicht um der Technologie willen», sagt Literaturforscher Theisohn, «sie ist eine soziale literarische Gattung.» Science-Fiction-Romane fragen danach, was vorstellbare Innovationen für künftige Gesellschaften bedeuten könnten. Sie beleuchten, welches ihre sozialen Folgen, die Chancen und Risiken sein könnten.

Wenn Beamen möglich wäre

So etwa im 1956 veröffentlichten Roman «The Stars My Destination» des amerikanischen Autors Alfred Bester. In der fiktiven Welt, in der sich Besters Held Gully Foyle durchschlägt, ist Teleportation möglich – das «Beamen» von einem Ort zum anderen. Nun ist diese Technik tatsächlich reine Fiktion und ihre Umsetzung liegt – sollte sie überhaupt jemals gelingen – in weiter Ferne. «Interessant an diesem Roman ist aber, dass Alfred Bester sich mit der Frage auseinandersetzt, was unkontrollierte Mobilität für eine Gesellschaft bedeuten kann – für die Wirtschaft, die Sicherheitspolitik, das Privatleben»,sagt Philipp Theisohn. Die Literatur macht es möglich, solche Szenarien durchzuspielen und zu erproben. «Ob gesellschaftliche Strukturen unter bestimmten Umständen tragfähig sind, zeigt sich im Stresstest – Science Fiction macht ganz viele solcher Stresstests.»

Auch die chinesische Autorin Hao Jingfang macht einen fiktionalen Stresstest. In ihrer Erzählung «Peking falten» von 2017 liefert sie eine Antwort darauf, wie in der zukünftigen Megacity Beijing mit Raumknappheit umgegangen werden könnte. In Jingfangs Buch wird die künftige 80-Millionen-Metropole nach einem festen Zeitplan wie ein Origami-Kunstwerk gefaltet, um jeweils einem Teil der Stadtbevölkerung ein wenig Leben an der Oberfläche zu gönnen. Wer weggefaltet wird, fällt in einen tiefen Schlaf.

Wer wie viel Zeit am Tageslicht verbringen darf, ist in der Erzählung der chinesischen Autorin schichtabhängig. Während es der Elite vergönnt ist, 24 Stunden an der Oberfläche zu verbringen, sind es für die Mittelschicht noch 16 und für die Unterschicht noch 10 Stunden in der Nacht. «Hao Jingfang untersucht, welchen Druck eine solche Raumordnung auf die Politik ausübt, welche Rolle die Technik dabei spielt und wie gerecht eine solche Gesellschaft ist», sagt Philipp Theisohn. Für Ostasien, wo man heute schon weiss, was Raumknappheit heisst, sind das wichtige Themen.

Katastrophale Zukunft

Meist sind die Blicke in die Zukunft, die Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren entwerfen, besorgniserregend. Ganz anders ist das bei Edward Bellamy, der im 19. Jahrhundert vonKreditkarten träumte. Er zeichnete 1888 ein utopisches Bildder Zukunft. Die Gesellschaft, die sein Protagonist Julian Westim Amerika des Jahres 2000 antrifft, hat die soziale Frage überwunden. In der Welt, in der er nach einem tiefen, durch Hypnose ausgelösten Schlaf aufwacht, leben die Menschen gleichberechtigt zusammen.

Solche positiv gefärbten Zukunftsvorstellungen sind in der Science-Fiction-Literatur aber eher eine Ausnahme. Viel häufiger sind Dystopien, Szenarien, die in einer Katastrophe enden. Zu ihnen zählen SF-Klassiker wie George Orwells «1984», der in einem totalitären Überwachungsstaat spielt, oder Aldous Huxleys «Schöne neue Welt», in der Menschen wissenschaftlich konditioniert werden und in einer rigiden Klassengesellschaftleben, aber auch Werke des Cyberpunks wie etwa das Buch «Wenn Androiden von Schafen träumen», das die Vorlage für den bekannten Film «Blade Runner» lieferte. Für Philipp Theisohn sind Utopien und Dystopien keine sich ausschliessende Gegensätze. Sie sind vielmehr zwei Seiten derselben Medaille. Denn Zukunftsängste und -wünsche sind eng miteinander verknüpft. Wünsche können schnell zu Ängsten werden und umgekehrt. «Eigentlich entwickeln wir ja Technologien, die uns unterstützen und uns das Leben einfacher machen», sagtTheisohn, «am Ende kontrollieren sie uns aber auch, jedoch nur deshalb, weil sie das tun, was wir gewollt haben.»

Ein Beispiel für die Ambivalenzen zwischen Wunsch und Angst sind unsere Smartphones. Sie ermöglichen uns überall den freien Zugang zu Informationen und vernetzen uns mit Menschen aus der ganzen Welt. Sie verkörpern so das Zukunftsversprechen von mehr Freiheit, Verfügbarkeit und Lust. «Was wir dabei oft übersehen, ist, dass die digitalen Medien nach ihren eigenen Gesetzen funktionieren und eigentlich uns steuern und nicht umgekehrt», sagt Theisohn, «werden wir uns dessen bewusst, kann der Wunsch in Angst, das Heilsversprechen in Ernüchterung umschlagen.» Genau solche Ambivalenzen reflektiert Science-Fiction-Literatur mit Blick auf die Zukunft.

Den Menschen entmystifizieren

In Philipp Theisohns eigenen Überlegungen zur Zukunft spielen smarte Maschinen und unser Umgang mit ihnen einezentrale Rolle. Denn abzusehen ist, dass wir künftig näher mit immer intelligenteren Algorithmen, Computern und Robotern zusammenleben werden. «Da wird es eine Annäherung geben, die uns auch verändert», sagt Theisohn, «je mehr die Maschinen können, desto mehr werden sie uns als Menschen entmysti zieren.»

Der Literaturwissenschaftler ist deshalb auch davon überzeugt, dass wir künftig eine ausgefeilte Maschinenethik brauchen werden, die einen angemessenen Umgang mit smarter Technik formuliert. «Denn sollten wir eines Tages wirklich intelligente, selbstlernende Maschinen bekommen, müssen wir sie wie Menschen behandeln», sagt er, «wenn wir sie dagegen wie Sklaven behandeln, werden sie lernen, auch mit uns so umzugehen.» So gesehen halten uns die Maschinen der Zukunft den Spiegel vor. Wie das Zusammenleben mit smarten, emotionalen Geräten aussehen wird, können wir heute nur erahnen – im virtuellen Raum von Literatur und Internet lässt es sich aber jetzt schon erproben.

 

Lesetipps — Science Fiction aus drei Jahrhunderten

Looking Backward from 2000 to 1887

In seinem 1888 erschienenen Klassiker lässt Edward Bellamy seinen Helden Julian West nach einem über hundert Jahre dauernden Schlaf im Jahr 2000 aufwachen: Er trifft dort auf eine Gesellschaft, die friedlich zusammenlebt und unter anderem über Kreditkarten verfügt.

Edward Bellamy: Looking Backward from 2000 to 1887; Cosimo Classics 2008, 212 Seiten (auf Deutsch erschienen unter dem Titel: Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887)

The Stars My Destination

1956 schreibt US-Autor Alfred Bester die Geschichte des Raum- fahrers Gully Foyle, die in einer schillernden Zukunft angesiedelt ist. Die Menschheit hat das «Jaunten» erlernt, die zeitlose Versetzung an einen anderen Ort, und ein Krieg zwischen der Erde und äusseren Siedlungswelten tobt. Mittendrin sucht Gully Foyle nach Gerechtigkeit.

Alfred Bester: The Stars My Destination; Orion Publishing Group 2010, 256 Seiten (auf Deutsch erschienen unter dem Titel: Tiger! Tiger!)

Peking falten

In ihrem 2018 auf deutsch erschienenen Roman entwirft die chinesische Autorin Hao Jingfang Peking als Faltspiel, das seine Bürger, geordnet nach Sektoren und je nach Gebrauchswert mal unter, mal über der Erde leben beziehungsweise arbeiten und schlafen lässt. Lao Dao, Arbeiter in einer Müllentsorgungsanlage im Dritten Sektor, übernimmt einen abenteuerlichen Botengang in die abgeschirmte Erste Zone – und entdeckt ein düsteres Geheimnis hinter den faltbaren Mauern dieser schönen neuen Welt.

Hao Jingfang: Peking falten; Elsinor Verlag 2018, 84 Seiten