«Wahrheit ist gemacht»

Wissen ist vergänglich, das zeigt der Blick in die Geschichte der Wissenschaft. Doch wie entsteht unser Wissen und wie etablieren sich neue Fakten? Eine Diskussion mit der Philosophin Anne Meylan und dem Historiker Philipp Sarasin.

Interview: Thomas Gull / Roger Nickl

Frau Meylan, Herr Sarasin: Lesen Sie Science Fiction?

Philipp Sarasin: Nein. Ich lese viel Fachliteratur. Wenn ich dazu komme, Literatur zu lesen, dann gerne grosse Romane.

Anne Meylan: Mir geht es auch so. Wenn, dann lese ich Klassiker, die ich schon lange einmal lesen wollte. Als Teenager war ich ein grosser Fan von «Star Wars».

Was hat Sie an «Star Wars» fasziniert?

Meylan: Es war wohl der erste Film, der wahnsinnig beeindruckende Special Effects hatte. Es gab auch diese ganz neue Welt im All mit interessanten Familienbeziehun- gen. Wenn ich mir das heute wieder anschaue, ist die Faszination allerdings ziemlich verflogen. Meine Tochter findet die Filme aber toll.

In der Science Fiction geht es um Spekulationen über die Zukunft, in der Wissenschaft, Ihrem Metier, um Fakten – wie kommen solche Fakten zustande?

Meylan: Können Fakten zustande kommen, sind sie nicht einfach da? Das ist für mich eine zentrale Frage.

Sarasin: Lateinisch meint «factum» das Gemachte, das Hergestellte. Fakten sind Dinge, die wir immer wieder beobachten können. Das ist nicht loszulösen von den Mitteln, den Einrichtungen, der Art und Weise, wie wir diese Dinge beobachten und über sie sprechen. Das heisst, letztendlich stellen wir Bedeutung her. Fakten sind etwas von uns Gemachtes.

Meylan: Statt von Fakten würde ich es vorziehen, von Tatsachen zu sprechen. Es stimmt: Wenn ich Tatsachen aus unterschiedlichen Perspektiven anschaue, nehme ich sie auch anders wahr. Doch das ändert nichts daran, dass sie bestehen. Die Gefahr ist, dass man die Perspektive, aus der man etwas betrachtet, vermischt mit einer Tatsache, die ich allenfalls aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann.

Sarasin: Woher wissen Sie dann, dass die Tatsache da ist?

Meylan: Das ist eine erkenntnistheoretische Frage. Meine Behauptung ist metaphysischer Art: nämlich dass die Dinge existieren. Natürlich kann man sich immer fragen, ob es möglich ist, alles über die Dinge zu wissen, ob ich die Welt mehr oder weniger gut, wahrer oder falscher erkennen kann. Es ist aber etwas anderes zu sagen: Weil ich das nicht weiss, existiert etwas nicht. Diese Schlussfolgerung ist inakzeptabel.

Sarasin: Das stimmt. Wir haben keinen Grund, zu behaupten, da draussen sei nichts. Der Philosoph Immanuel Kant unterschied – und das ist für mich ein zentraler Ausgangspunkt – zwischen dem Ding an sich und seiner Erscheinung. Sein Argument war: Wir können über das Ding an sich gar nichts sagen. Das heisst: Die Erscheinungen werden hergestellt durch unsere Kategorien, durch die Art und Weise, wie wir zu denken imstande sind. Jetzt kann man sagen, Kant sei spätes 18. Jahrhundert, und an die Stabilität der Vernunft, die er voraussetzte, glauben wir heute nicht mehr. Das Argument aber, dass alles, was wir tun, geprägt ist von unseren Erkenntnisleistungen, ist heute genauso gültig.

Meylan:Ich bin keine Kantianerin, sondern Empiristin. Ich möchte den Empirismus nicht gegen Kant verteidigen. Was ich aber betonen möchte: Vielleicht haben wir keinen Zugang zur Realität. Dennoch existiert sie. Das ist wichtig: Es gibt Tatsachen. Allerdings stellt sich die Frage, welche Zugänge ich habe, um zu diesen Tatsachen zu gelangen. Diese Zugänge können sehr unterschiedlich sein. Ein grosses Problem sind da kognitive Vorurteile. Wenn wir auf Tatsachen schauen, ist unser Blick immer schon von gewissen Vorannahmen und einem bestimmten Vorwissen geprägt und gesteuert. Ein typisches kognitives Vorurteil ist der «Bestätigungsfehler». Wenn Sie eine Hypothese aufstellen – zum Beispiel, dass Leute, die ein Auto mit Vierradan- trieb fahren, schlechtere Automobilisten sind als andere –, dann werden Sie nur die Gründe finden, die Ihre Hypothese stützen, die anderen nicht. Das ist oft der Fall. Vor allem in den Geisteswissenschaften haben wir die Neigung, nur die Gründe zu sehen, die unsere Theorie stützen.

Sarasin: In den Naturwissenschaften ist das genauso.

Meylan: Die Naturwissenschaften sind einfacher zu verteidigen als die Geisteswissenschaften, wenn es um solche Fragen geht. In den Naturwissenschaften haben bestimmte Perspektiven viel weniger Einfluss auf die Erkenntnis.

Doch auch in den Naturwissenschaften stehen Erkenntnisse nicht fest, sondern es wird oft gestritten, bis sich ein Konsens findet, der später auch widerlegt und revidiert werden kann. Wie entstehen so wissenschaftlich fundierte «Wahrheiten»?

Sarasin: In der modernen Wissenschaft gab es spätestens seit dem 19. Jahrhundert einen unglaublich starken Glauben an die Möglichkeit, die Welt zu erkennen, wie sie an sich ist. Diese Haltung wird als Positivismus bezeichnet. Trotzdem wurden im Wissenschaftssystem des 19. Jahrhunderts Verfahren entwickelt, mit denen sich Wissenschaft kontrolliert. Es gibt deshalb anerkannte Arbeitsweisen, wie gesicherte Tatsachen, wie Wahrheiten wissenschaftlich erarbeitet werden. Damit sollte gewähr- leistet werden, dass das, was die Wissenschaft als «wahr» postulierte, einigermassen valide war.

Wie funktioniert das?

Sarasin: In den Geistes- und Sozialwissenschaften behaupten wir nicht, wir hätten den göttlichen Blick und wüssten, was wahr und was falsch ist. Wir sind vielmehr eine Gemeinschaft von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die zeigen müssen, wie wir in der Forschung vorgehen, welches unsere Quellen und Experimentalanord- nungen sind. Das ist für andere meistens überprüfbar. Und wir sprechen in einer spezifischen Weise über die Welt. Physiker sprechen anders über die Welt als Historiker.

Auf diese Rahmenbedingungen hat man sich geeinigt?

Sarasin: Sie haben sich herausgebildet. Es ist, wie gesagt, ein Konsens, den man erringt und der zeitlich immer begrenzt ist.

Meylan: Mit dieser Argumentation habe ich Mühe. Sie ist mir zu relativistisch. Natürlich stossen wir an Erkenntnisgrenzen und es ist schwierig, die Wahrheit zu erkennen. Und wir werden nie sicher sein, ob wir die Wahrheit nun erkannt haben oder nicht. Die Möglichkeit, Fehler zu machen, sich zu irren, ist der Wissenschaft immanent. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass wir Tatsachen konstruieren.

Sarasin: Unser Forschen und unser Erkennen der Welt sind immer perspektivisch und hängen von den Erkenntnismitteln ab. Natürlich können wir naturwissenschaftliche Gesetze aufstellen, die uns helfen, eine Waschmaschine oder eine Auto zu konstruieren. Beides gibt es und es funktioniert. Auch die Flugzeuge fliegen. An diesen Konzepten scheint also etwas dran zu sein. Das heisst aber nicht, dass unser Geist die Dinge vollständig erfasst – es gibt eben keine adaequatio rei et intellectus, keine Übereinstimmung der Sache mit dem Verstand, wie es bei Aristote- les heisst. Letztlich ist auch die Mathematik eine Konstruktionsleistung des menschlichen Geistes. Die Frage ist, wie robust und plausibel das Wissen ist, das wir entwickeln.

Wie wird die Robustheit geprüft?

Sarasin: Durch Trial und Error, Versuch und Irrtum – gewisse Flugzeuge stürzen ab. Oder wissenschaftliche Theorien werden falsifiziert, weil sie den (neuen) Fakten nicht standhalten. Dabei spielt die Wissenschaftsgemeinschaft eine wichtige Rolle: Sie überprüft die Theorien und präsentiert allenfalls Alternativen. Am Ende dieses Prozesses steht dann eine Theorie, die stabil ist – bis sie widerlegt wird. Ich würde nie so weit gehen und behaupten, dass da draussen Tatsachen existieren. Schon das Konzept der Tatsache ist für mich als Historiker fragwürdig. Was ist die Tatsache, wenn man sich beispielsweise den Zweiten Weltkrieg anschaut? Es gibt viele einzelne Elemente in dieser Geschichte, die miteinander vernetzt sind, die ich schwer als einzelne, feststehende Tatsachen isolieren könnte.

Meylan: Damit bin ich nicht hundertprozentig einverstanden. Es stimmt, wir haben keinen göttlichen Standpunkt. Wir haben unsere Grenzen. Die Naturwissenschaftler beispielsweise haben ihre spezifischen Instrumente, mit denen sie forschen. Manchmal haben diese Geräte auch Defekte...

Sarasin: ... und Effekte ...

Meylan: ... Tatsache ist aber, dass wir Fortschritte machen. Wir wissen immer mehr darüber, wie die Natur funktioniert. Und wir haben die Mittel, unsere Erkenntnisse zu überprüfen. Es gibt viele Dinge, die früher als wahr galten, von denen wir heute wissen, dass sie falsch sind. Das bedeutet aber nicht, dass wir die Wirklichkeit konstruieren, sondern nur, das unser Blick auf die Realität begrenzt ist. Es gibt keinen Grund, zu denken, die Realität sei inexistent oder konstruiert, nur weil unsere Perspektive begrenzt ist. Ich sehe keine Argumente für diese Schlussfolgerung. Zudem gibt es Tatsachen, die niemand leugnen würde.

Zum Beispiel?

Meylan: Die Klimaerwärmung. Die stellt heute niemand mehr wirklich in Abrede. Oder der Holocaust – das ist eine Tatsache, die niemand mit guten Gründen leugnen kann.

Würden Sie einen Unterschied zwischen historischen und naturwissenschaftlichen «Tatsachen» machen?

Sarasin: Diesen Unterschied muss man sicher machen. Wenn wir die Geschichte anschauen, so haben die Handelnden bereits in der Vergangenheit ihre Welt immer schon gedeutet. Die Natur selbst deutet sich nicht. Zu den historischen Tatsachen: Es gibt Ereignisse, die sind absolut unbestreitbar. Die Wehrmacht ist am 1. September 1939 in Polen einmarschiert. Das ist ein Einzelfaktum.

Meylan: Ich bin froh, dass Sie das sagen.

Sarasin: Bei komplexeren Ereignissen wie dem Holocaust haben wir eine Vagheit etwa bezüglich der Frage, wie viele Leute ermordet wurden. Oder eine Vagheit über den Ablauf: Gab es einen Einzelbefehl? Oder entwickelte sich der Holocaust aus einer bestimmten Kriegsdynamik heraus? Das ist Gegenstand der Forschung. Eine weitere Besonderheit von Geistes- und Sozialwissenschaften: Sie haben es mit Phänomenen zu tun, die ohne Interpretation, ohne Deutung gar nicht existieren würden. Der Holocaust war nur möglich, weil es eine bestimmte Deutung gab, wer der Feind des deutschen Volkes war, der eliminiert werden sollte – die Juden. Das heisst: Deutungen, Weltanschauun- gen, Perspektiven sind selbst Teil dieser historischen Ereignisse.

Weshalb ist Wissen vergänglich?

Sarasin: Es gibt Wissen, das stabiler ist, und solches, das sehr schnell obsolet wird. Ich habe die starke Vermutung, dass die Vergänglichkeit darin liegt, dass wir mit vergänglichen Mitteln auf die Welt und in die Natur schauen.

Interessant sind die grossen Brüche, die es in der Geschichte des Wissens gibt. Die Etablierung des heliozentrischen Weltbildes etwa oder der Evolutionstheorie. Was passiert in solchen Phasen?

Meylan: Es setzt sich eine Wahrheit durch, weil wir ein Phänomen eben besser erklären können. Plötzlich versteht man Dinge und Zusammenhänge ganz neu. Dabei spielt der historische Kontext eine wichtige Rolle. Er beeinflusst unser Erkenntnisvermögen und wie gut unsere Forschung sein kann. Vielleicht war es damals nur in Italien möglich, den Heliozentrismus als neues Weltbild zu etablieren.

Sarasin: Der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn hat schon vor über 50 Jahren ein Buch über solche Paradigmenwechsel geschrieben. Das Interessante daran: Er beschreibt sie nicht als Durchbruch von Wahrheit, sondern als ziemlich kontingenten Prozess. Zum Beispiel weil der Ordinarius stirbt und die Schüler endlich etwas Neues denken können.

Neue Erkenntnisse entstehen (oft) durch Zufälle?

Sarasin: Ja, durch kontingente Situationen. Rückblickend kann man schon sagen, es hat sich etwas durchge- setzt. Natürlich gibt es auch das Phänomen, dass sich immer mehr Gegenevidenzen ansammeln und eine Theorie nicht mehr fähig ist, alle abweichenden Evidenzen zu integrieren, und dann irgendwann zusammenbricht.

Sie hat den Robustheitstest nicht bestanden?

Sarasin: Genau. Sie wird ersetzt durch eine neue Theorie, die besser Daten absorbieren und integrieren kann. Das kann man als Fortschritt bezeichnen, weil man die Welt eben komplexer erklären kann. Ob das dann die Wahrheit über die Welt ist, ist eine andere Frage.

Meylan: Sie behaupten, es gebe keine Wahrheit, nur Geschichten. Doch was wir als Forschende anstreben, ist, die Wahrheit herauszufinden. Ob wir das erreichen, ist ungewiss, aber wir streben danach. Weshalb wollen Sie, dass die Dinge, die Sie studieren, Konstruktionen sind? Ich finde das kontraproduktiv. Wir suchen nach der Wahrheit, oder nicht? Wenn wir sagen, wir konstruieren alles, dann klingt das nicht sehr seriös.

Unterminieren Sie die Wissenschaft, Herr Sarasin?

Sarasin: Nein, ich unterminiere die Metaphysik. Frau Meylan ist letztendlich Metaphysikerin. Sie hat einen Wahrheitsanspruch, der ganz positiv sein will, indem sie an die Möglichkeit positiver Aussagen über die Welt glaubt. Doch gerade in diesem Masse negiert dieser Standpunkt letztlich, dass Wahrheit etwas von Menschen Gemachtes, eben ein Faktum, ist. Es sind unsere Wahrheiten, was denn sonst. Wenn man das negiert, ist das eine metaphysische Position, die weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Ich versuche dagegen, etwas zusammenzusetzen aus dem, was ich weiss. Dabei versuche ich natürlich, die Welt so gut wie möglich zu erkennen. Es gibt robuste Aussagen über die Welt, die muss man zuerst widerlegen. Wenn wir etwa die Theorie über die Entstehung der Arten von Darwin nehmen, dann ist eindrücklich, wie sorgfältig der Forscher mit dem Material umgeht und den Prozess offenlegt, mit dem er seine Theorie entwickelt hat. Er beschreibt über 600 Seiten hinweg, wie er das konstruiert.

Meylan: In diesem Sinn bin ich einverstanden mit dem Verb konstruieren. Wir konstruieren unsere Theorien in dem Sinn, dass wir Forschung machen. Und wir haben keine Sicherheit, dass das, was wir herausfinden, die Wahrheit ist. Da sind wir nicht so weit voneinander entfernt, wie ich dachte. Man kann aber nicht sagen: Alle Theorien sind wahr. Einige sind plausibler als andere.

Sarasin: Einverstanden.