Stefan Leins

«Den Staat aus den Angeln heben»

Von Christian Koller

Friedensideale eines Revolutionärs – unter diesem Titel referierte Rektor Theodor Vetter am Dies Acade-micus 1919 über den Romantiker Percy Bysshe Shelley. Die Rede wies unübersehbare Aktualitätsbezüge auf: «Friede» und «Revolution» waren zwei Schlüsselbegriffe um 1918. Sie weckten Hoffnungen, aber auch Ängste. Der Weltkrieg mündete in zahlreiche Umbrüche. Sie reichten nebst den Revolutionen in Russland und Deutschland und dem Kollaps der Reiche der Habsburger und Osmanen vom Unabhängigkeitskampf Irlands bis zu den «Reisunruhen» in Japan, vom finnischen Bürgerkrieg bis zu antikolonialen Rebellionen in weiten Teilen Afrikas.

Die Schweiz erlebte eine Erschütterung, die als grösste Krise des Bundesstaats gilt, sich im internationalen Vergleich aber eher harmlos ausnimmt: den Landesstreik im November 1918. Vor dem Hintergrund einer Versorgungskrise und des mangelhaften Einbezugs der Arbeiterschaft in politische Entscheidungsprozesse entfaltete sich ab 1916 eine Streik- und Protestwelle. Die dadurch hervorgerufenen Revolutionsängste mündeten gegen Kriegsende in die militärische Besetzung Zürichs, die die Arbeiter organisationen mit dem Generalstreik beantworteten. Etwa eine Viertelmillion Menschen streikten drei Tage für Forderungen wie die 48-Stunden-Woche, die AHV und das Frauenstimmrecht.

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An diesen Vorgängen waren Alumni der UZH führend beteiligt: General Ulrich Wille wurde 1865 als Jurastudent wegen Beteiligung an einem Duell von der UZH verwiesen. Er musste seine Studien in Deutschland fortsetzen. Rosa Luxemburg, als Anführerin der linksradikalen Spartakisten in Deutschland im Januar 1919 ermordet, hatte 1897 an der UZH in Volkswirtschaft promoviert.

Krieg und Landesstreik tangierten aber auch den Universitätsbetrieb stark: Das Wintersemester 1914/15 musste um zwei Wochen verschoben werden, um Ersatz für die zu den Waffen gerufenen Dozenten zu finden. Später bemühte sich die Erziehungsdirektion erfolgreich um Fronturlaub für ausländische Professoren während der Vorlesungszeit. Mit anderen Schweizer Hochschulen rief die UZH ein «Hilfswerk für die kriegsgefangenen Studenten» ins Leben. Dessen Ortsausschuss Zürich verschickte mehr als 21000 Bücher in Gefangenenlager verschiedener Länder.

Auch die politischen Spannungen machten sich bemerkbar: 1915 entliess der deutsche Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik, Gustav Sauerbruch, wegen Meinungsdifferenzen über den Krieg einen Assistenzarzt. Daraufhin kündigten mehrere Mitarbeiter. Der als «Ärztestreik» bekannte Vorgang zog eine behördliche Untersuchung nach sich.

Ein anderes Thema war die Dienstverweigerung: 1917 schloss die UZH einen Verweigerer vom Studium aus und verwehrte einem weiteren die Immatrikulation, was ein parlamentarisches Nachspiel hatte. Die Versorgungsprobleme waren ebenfalls spürbar. Mangel an Kohle und Elektrizität führte ab 1916 zur Einschränkung der Unterrichtszeiten im Winter. 1918 gab es wegen Papierknappheit besondere Bestimmungen zum Druck von Dissertationen. Wegen der Ernährungskrise wurden im Wintersemester 1918/19 durch Spenden verbilligte Mittagessen für Studierende ausgegeben. Gleichzeitig wütete die Spanische Grippe: Das Sommersemester 1918 wurde wegen der Pandemie um eine Woche verkürzt. Von 1900 Immatrikulierten starben 14 an der Grippe, doppelt so viele, wie während des gesamten Kriegs auf den Schlachtfeldern fielen. 

Die zunehmende Revolutionsfurcht im Bürgertum ging auch an der UZH nicht vorbei. Am 20. Oktober 1918 bezeichnete ein Artikel in der NZZ den drei Wochen zurückliegenden Streik der Zürcher Bankangestellten als «Generalprobe», einen «Versuch, wie weit es möglich sein werde, nach bolschewistischen Rezepten unseren Staat aus den Angeln zu heben». Autor war Fritz Fleiner, Ordinarius für Öffentliches Recht an der UZH und im Nebenamt Verwaltungsrat der Schweizerischen Kreditanstalt. Fünf Tage darauf äusserte Fleiner in einem Brief an Bundespräsident Felix Calonder die Befürchtung, Zürich könnte demnächst «Schauplatz eines bolschewistischen Handstreichs werden».

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Am 10. November bildete sich ein «Aktionskomitee der Studentenschaft von Zürich», das eine Versammlung der «nationalgesinnten Studenten» einberief. Das Rektorat stellte dem Komitee zwei Büros mit Telefonanschluss zur Verfügung und erliess mehrere Aufrufe an die Studierenden, sich nicht an Demonstrationen zu beteiligen. Während des Streiks betätigten sich Studierende in den Grippelazaretten der Armee, als Briefträger und bei der Verteilung von Proklamationen der Behörden, aber auch in der neu gegründeten Stadtwehr und den bürgerlichen Parteien sowie der vom NZZ- Kader produzierten «Bürgerlichen Presse Zürichs». Auch betrieben sie einen Automobil-Kurierdienst in andere Ortschaften und veranstalteten eine Sammlung für grippekranke Soldaten.

Komiteemitglieder suchten zudem den religiös- sozialistischen Theologieprofessor Leonhard Ragaz auf und teilten ihm ihre Ablehnung seiner pazifistischen Auffassungen mit. In seinem Tagebuch empörte sich Ragaz über diese «Lausbuben». Er sagte während des Streiks seine Vorlesungen nicht ab, erhob aber von der Lehrkanzel Protest gegen die Präsenz von Ord-nungstruppen an der UZH. 1920 sollte Ragaz’ Wiederwahl in der Hochschulkommission eine längere Debatte auslösen. Wenige Monate darauf quittierte der 53-Jährige sein universitäres Lehramt, um sich ganz der Arbeiterbildung und der Friedensarbeit widmen zu können.

Es gab bei den Studierenden freilich auch andere Stimmen. Ein Flugblatt der «Unabhängigen Studenten» an die Arbeiterschaft verkündete, dass «ein beträchtlicher Teil der Studenten der zürcherischen Hochschulen die ungeistige, frevelhafte Freude ihrer Kommilitonen an der militaristischen Machtpolitik unserer Kantons- und Bundesregierung als Schmach empfindet, unwürdig der Hochschule, unwürdig der Schweiz, unwürdig der Zeit». Sie sähen «mit stolzer Freude», «dass ihr entschlossen seid zu kämpfen, bis eure dringendsten Forderungen, die schon längst berechtigt sind, erfüllt werden».

Eher überraschend beschloss die Verbindung Zofingia, die seit der Jahr-hundertwende einen linken Flügel besass, eine Resolution, die das Militäraufgebot sowie die «geistlose Begeisterung» der «nationalgesinnten Studenten» verurteilte, sich zu den Streikforderungen bekannte und eine «grosszügige Einstellung unserer Politik im Sinne gegenseitigen Vertrauens, wirklicher Freiheit und wahrer Gemeinschaft» anmahnte.

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Nach dem Streik blieb die Schweiz polarisiert, es kam aber auch zu einer kurzen Reformperiode mit der Einführung der 48-Stunden-Woche und Vorarbeiten für die (allerdings erst 1948 verwirklichte) AHV. Während das im Landesstreik ebenfalls geforderte Frauenstimmrecht auf die lange Bank geschoben wurde und eine vom Zürcher Kantonsrat in seiner Landesstreikdebatte angestossene Diskussion über die Personalbeteiligung an Geschäftsleitung und Gewinn der Unternehmen in den frühen 1920ern versandete, trat an der UZH im April 1919 ein Organisationsstatut der Studentenschaft in Kraft, das als gewählte Gremien Fakultätsausschüsse sowie einen grossen und kleinen Studentenrat einführte.

Die innenpolitische Anspannung zeigte sich an der UZH im Zusammenwirken mit der Zürcher Stadtwehr. Als Teil der ab November 1918 florierenden Bürgerwehr-bewegung schlossen sich ihr in den folgenden Monaten mehrere tausend Mann an,  darunter viele Studenten. Die Bürgerwehren hatten eine staatspolitisch problematische Zwitterposition zwischen Hilfspolizei und ideologischem Paramilitär. Finanziert wurden sie hauptsächlich von Banken,  Versicherungen und Industrieunternehmen, ihre Bewaffnung stammte zum grossen Teil aus Bundesarsenalen.  
Ihr Dachverband arbeitete mit paramilitärischen Organisationen im Ausland zusammen, teilweise ausgesprochen antidemokratischen Kräften des rechtsex-tremen Spektrums. Die Stadtwehr sollte allerdings nur einen grösseren Einsatz erleben, im Sommer 1919 während eines lokalen Generalstreiks. Das Rektorat der UZH stellte ihr im Hauptgebäude ein Büro als Kommandozentrale zur Verfügung, auch einen Sammelplatz. Darüber hinaus besass die Stadtwehr im Physikgebäude ein Waffenlager. Wann dieses aufgehoben wurde, geht aus den Akten im Staats archiv nicht hervor.

Christian Koller

Der Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit lehrt und forscht an der UZH und ist Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs. Er ist Mitherausgeber des Bandes 'Der Landesstreik: Die Schweiz im November 1918 ' (Verlag Hier und Jetzt 2018), und kuratiert die Ausstellung «Landesstreik 1918» im Landesmuseum Zürich (2. November 2018 bis 20. Januar 2019).