Ana Sobral und Sandro Zanetti

«Verse wie Faustschläge»

Was geschieht mit Lokalkulturen in einer Welt, die immer enger zusammenwächst? Ein Gespräch über Globalisierung und kulturelles Weltbürgertum mit Hiphop-Expertin Ana Sobral und dem Literaturwissenschaftler Sandro Zanetti. 

Von David Werner und Roger Nickl

Frau Sobral, Herr Zanetti, Thea Dorn plädiert in ihrem Buch «Deutsch, nicht dumpf» für einen «aufgeklärten Patriotismus». Man müsse zuerst die eigene Tradition kennen, um das Fremde zu erkennen, schreibt die deutsche Autorin. Teilen Sie diese Ansicht?

Sandro Zanetti: Das Nachdenken über die eigenen Prägungen ist wichtig für den Blick auf die Welt, darin stimme ich mit Thea Dorn überein. Doch gerade das angeblich «Urschweizerische» kommt mir – auch und vielleicht gerade als Schweizer – gelegentlich fremd vor. Was wir Kultur nennen, ist heterogen, wandelbar und hybrid. Es speist sich immer aus verschiedensten Einflüssen. Die Vorstellung einer Nationalkultur ist deshalb schon im Ansatz irreführend. Ich bevorzuge die offenere Kategorie des Lokalen: Man kann Rösti, Mundartrock oder Dada als Elemente einer Lokalkultur wertschätzen – doch sind diese Kulturen keineswegs durch die Grenzen des Nationalstaats definiert.

Ana Sobral: Ich selbst wüsste nicht, wie ich meine eigene nationale Zugehörigkeit definieren sollte. Ich bin die Enkelin von Kolonialisten, meine Eltern waren antikolonialistische Rebellen. Ich bin im postkolonialen Angola geboren, musste aber das Land wegen des Bürgerkriegs verlassen. Ich ging dann nach Portugal, habe mich aber nie als Portugiesin gefühlt, sondern immer als Angolanerin. Bis mir dann klargemacht wurde: Du bist keine Afrikanerin – du bist eine weisse Europäerin. Das war eine enorme Verwirrung für mich als Jugendliche. Irgendwann wurde mir klar: Das sind alles künstliche Zuschreibungen. Ich muss mich weder als Angolanerin noch als Portugiesin oder Europäerin identifizieren. Ich glaube, es gibt immer mehr Menschen wie mich.

Überfordert uns die Globalisierung?

Zanetti: Da würde ich salopp zurückfragen: War es denn früher besser? Und war nicht Kultur selbst schon immer eine Überforderung? Es wäre jedenfalls verkehrt, die Schattenseiten der Globalisierung, die es zweifellos gibt, als Fragen der Kultur und nicht der Politik, des Rechts und der Ökonomie zu adressieren.

Sobral: Die globalen Verstrickungen sind unglaublich kompliziert – und sie bleiben unsichtbar. Ich kann den Wunsch nach klaren Verhältnissen psychologisch nachvollziehen. Dennoch sollten wir die Schrebergartenidylle nicht zum Massstab für unseren Blick auf die Welt machen. Wir müssen uns angewöhnen, viel abstrakter zu denken, und als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten wir da vorangehen.

Zanetti: Die globalen Verstrickungen sind vielerorts allerdings auch sichtbar. Sie zeigen sich überall im konkreten Alltag, ich muss nur hinsehen, dann stosse ich auf Schritt und Tritt darauf: Was kaufe ich ein, welchen Menschen begegne ich auf meinen Wegen, womit verdiene ich, global gesehen, meinen Lebensunterhalt? Man sieht mehr und genauer, wenn man den Nahblick mit dem Weitblick verbindet, die abstrakten Bezüge in konkreten Verhältnissen aufsucht. Die Literatur macht das übrigens beispielhaft vor.

Sind die Anreize stark genug, um sich als Forscher oder Forscherin mit lokaler Kultur zu beschäftigen?

Zanetti: Wissenschaft ist international, und auf den ersten Blick versprechen globale Themen eine grössere Resonanz als lokale. Als ich an der Abteilung für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft vor einigen Jahren eine Veranstaltungsreihe zur Schweizer Lyrik mitinitiierte, wurde ich ein wenig belächelt. Der Provinzialitätsverdacht liegt schnell einmal in der Luft. Es kommt aber immer darauf an, aus welcher Perspektive man sich seinem Gegen-stand nähert. Die Schweiz ist ein für die literaturwissenschaftliche Forschung ergiebiger Ort, nicht zuletzt wegen ihrer Vielsprachigkeit, die sich durch die Migration in den vergangenen Jahrzehnten noch akzentuiert hat. Die Schweiz kennt bemerkenswerte Routinen im Umgang mit innerer Vielfalt, das ist alles andere als provinziell und dürfte auch für die internationale Forschungsgemeinschaft von Interesse sein.

Frau Sobral, Sie haben die Musik- und Sprachkultur des Hiphop für Ihre Forschung entdeckt, eine globale Kunstform mit vielen lokalen Varianten. Was ist für Sie als Literaturwissenschaftlerin am Hiphop interessant?

Sobral: Bisher wurde der Hiphop noch kaum als literarisches, sondern eher als soziales Phänomen untersucht. Ich frage mich, warum, denn Hiphop ist sehr erzählerisch, darin unterscheidet er sich von anderer Popmusik. Formal finden sich in Hiphop-Texten viele Ähnlichkeiten zum Beispiel mit den grossen Epen Homers. Im Mittelpunkt steht fast immer ein Held oder eine Heldin, er oder sie lebt an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Zeit und macht verschiedene Konflikte durch. Das sind wunder-schöne Geschichten von Individuen, die ihre Schwierigkeiten überwinden und etwas erreichen wollen. 

Was erzählt uns das über die Kultur in Zeiten der Globalisierung?

Sobral: Eigentlich ist der Hiphop eine sehr zeit- und ortsgebundene Kunstform. Es geht immer um das Leben in einer bestimmten städtischen Nachbarschaft. Es gibt ja mittlerweile Stücke zu Zürich-Wiedikon. Bereits die Entstehung des Hiphops ist an ein ganz konkretes Umfeld gebunden, nämlich die Problembezirke der New Yorker Bronx. Von dort aus fand er seinen Weg in die Welt. In den 1990er-Jahren entdecken auch in England, Frankreich, Deutschland junge Leute aus gesellschaftlichen Randgruppen im Rap ein geeignetes Medium, um ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln. In Deutschland wurde der Rap zuerst von türkischen Immigranten gepflegt. Sie haben gemerkt, dass sie gewisse Erfahrungen – etwa die der Ausgrenzung – mit amerikanischen Musikern teilen. 

Ist Hiphop nun ein globales Phänomen oder nur der Sammelbegriff für eine Vielzahl lokaler Mikrokulturen?

Sobral: Beides. Hiphop ist ein typisches Beispiel für «Glokalisierung». Die Kunstform erwies sich international als geeignet, um in vielen lokalen Varianten das Leben mit seinen Sorgen und Nöten in ganz bestimmten Stadtquartieren, manchmal auch nur einer bestimmten Strasse, zu schildern. 

Gibt es wiedererkennbare Muster, wie sich Kunstformen global ausbreiten?

Sobral: Gemäss einer Theorie des Australiers Tony Michel verläuft die Globalisierung kultureller Phänomene oft in zwei Etappen – Adaption und Emanzipation. So war es auch beim Rap. Europäische Rapper kopierten zunächst ihre amerikanischen Vorbilder. Erst in einer zweiten Phase begannen sie einen eigenen Stil zu entwickeln. Englische Rapper aus South London dichteten und sangen in ihrem lokalen Slang, in der Schweiz entstand der Mundart-Rap. 

Wie wichtig ist das Lokale im Hiphop?

Sobral: Enorm wichtig. Es gibt die Vorstellung von einer «Hiphop-Nation», einem imaginären Ort, an dem sich alle Hiphopper treffen und gehört werden. Das Lokale als Bezugspunkt ist beim Hiphop aber viel zentraler: In welchen Strassen bewege ich mich, wen treffe ich da, wie erlebe ich meinen Tag – das ist der Stoff dieser Geschichten. Sie drehen sich darum, wie sich minderprivilegierte Menschen trotz Marginalisierung selbst behaupten. Dieses universale Thema wird individuell und lokal unendlich variiert. Das unverwechselbar Lokale wird dabei mit grossem Stolz hervorgehoben und herausgearbeitet. In der Schweiz liebt man ja die feinen regionalen Unterschiede und pflegt sie hingebungsvoll. Beim Rap findet sich genau das auch – weltweit. 

Der kalifornische Rapper Kendrick Lamar hat kürzlich den Pulitzerpreis bekommen. Wird dieser Ritterschlag den Rap verändern?

Sobral: Kendrick Lamar erzählt in seinen Texten sehr differenziert darüber, was es heisst, Afroamerikaner zu sein, und verarbeitet dabei virtuos afroamerikanische Erzählformen. Seine Texte sind so komplex, dass sie auch eine kulturelle Elite ansprechen. Der grösste Teil der Rap-Musik aber ist viel roher, und so wird es meiner Meinung nach vorderhand auch bleiben. Rap versucht, uns aus der Fassung zu bringen, er attackiert unser moralisches Selbstverständnis, oft auch mit brutalen Klischees, mit verbaler Gewalt und Beleidigungen. Rap-Verse sind wie Faustschläge. Es ist anspruchsvoll, darauf aus der Mitte der Gesellschaft heraus angemessen zu reagieren. Das müssen wir erst noch lernen. Wie unbeholfen die Öffentlichkeit im Umgang damit noch ist, zeigte vor einigen Monaten der Skandal um die Vergabe des Echo-Preises an Kollegah und Farrid Bang. Es war symptomatisch, wie plump und unproduktiv die Diskussion um die kalkulierten und inszenierten Provokationen dieser kommerziell sehr erfolgreichen Rapper verlief. 

Sie sind als Akademikerin und Kulturinterpretin nicht auch ein Teil jener etablierten Gesellschaft, gegen die sich der Hiphop wendet?

Sobral: Zweifellos, mein gesellschaftlicher Standort unterscheidet sich fundamental von dem der meisten Hiphopper. Die Welt ist kein harmonischer Ort, die Positionen und Interessen unterscheiden sich. Die Kunst bringt die Konflikte zum Ausdruck, der Hiphop ganz besonders. Das fordert mich als Interpretin heraus. Ich warte auf den Moment, in dem ich zum ersten Mal beleidigt, also «gedisst» werde, wie es im Hiphop-Jargon heisst. 

Herr Zanetti, Ihr Fach, die Allgemeine und Vergleichenden Literaturwissenschaft (AVL), ist definitionsgemäss grenzüberschreitend und international ausgerichtet. Ist für Sie alle Literatur Weltliteratur?

Zanetti: Ich halte nicht viel vom Begriff Weltliteratur, der von Goethe stammt und im Ansatz wohl gut gemeint war. Aber dem Begriff lag und liegt nach wie vor eine hegemoniale Haltung zugrunde. So, wie der Begriff heute mehrheitlich verwendet wird, entsteht der Eindruck, das Fremde sei ohne weiteres verfügbar. Inzwischen ist Weltliteratur zu einem Markt geworden, es gibt ganze Studienprogramme und Buchreihen dazu. Was weltweit unter dem Label «World Literature» läuft, ist in der Regel auf globale Konsumierbarkeit getrimmt und besteht zum allergrössten Teil aus Literatur in englischer Sprache oder in englischer Übersetzung. Auch der Diskurs darüber findet fast vollständig in einem globalisierten Englisch statt. Vielsprachigkeit ist oft kein Thema, Fremdes wird geglättet oder als Exotismus vereinnahmt. Man tut so, als könne man aus dem Lehnstuhl heraus den Reichtum der Literatur wie ein buntes Panorama überblicken. Genau das versuchen wir in der AVL zu vermeiden. 

Von welchem Standpunkt aus blickt die AVL auf die verschiedenen Literaturen? 

Zanetti: Die Vorstellung eines universalen, über allen Grenzen schwebenden weltbürgerlichen Standpunkts ist eine schlechte Fiktion. Man kann die Welt und die Literatur im Besonderen immer nur aus einer jeweils bestimmten Perspektive und Situierung heraus beobachten oder beschreiben. Besser als die Überblicksmetapher gefällt mir das Bild des Netzes. Die Forschungsarbeit der AVL ist meines Erachtens dann gut, wenn sie Masche für Masche die vielfältigen, grenzüberschreitenden Beziehungen und Verhältnisse herausarbeitet, in denen literarische Texte untereinander sowie zu ihren Bezugsfeldern unterschiedlichster Art stehen. 

Traditionell gliedern sich die philologischen  Fächer nach Einzelsprachen oder Sprachgruppen,  so zum Beispiel die Romanistik, die Anglistik oder  die Sinologie. Ist diese Aufteilung in Zeiten der Globalisierung noch zeitgemäss?

Zanetti: Ja, ohne Zweifel, die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Spezialistinnen und Spezialisten für bestimmte Sprachen und ihre literarischen Traditionen ist für unsere Forschung unverzichtbar. Ohne die intime Kenntnis des Lokalen würden wir bei einer wohlfeilen Weltliteratur-Komparatistik landen, die alles Unterschiedliche über denselben Kamm schert.  

Man sollte also die Lupe nicht vergessen, wenn man internationale kulturelle Verflechtungen erforscht? 

Zanetti: Es lohnt sich in jedem Fall, den Blick für lokale Gegebenheiten und ihre komplexen Binnen- und Aussenbezüge zu schärfen. Kultur findet immer unter spezifischen Umständen und an konkreten Orten statt, und kultureller Reichtum hat damit zu tun, wie wir mit dem Besonderen, Konkreten umgehen. Das gilt auch und gerade in einer Welt, die immer enger vernetzt ist.

 

Ana Sobral

Die Professorin für «Global Literatures in English» forscht über die Globalisierung der Rap-Musik und den besonderen Beitrag dieser Popmusikrichtung zur Artikulierung einer postkolonialen, kritischen Haltung in verschiedenen Kontexten wie der afroamerikanischen Kultur, Australien, Neuseeland und Afrika.

ana.sobral@es.uzh.ch

Sandro Zanetti

Der Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft untersucht literarische Produktions- und Übersetzungsprozesse. Und er beschäftigt sich mit der Frage, wie Literatur – poetisch, zeichentheoretisch, medial und praktisch – im Spannungsfeld lokaler Verankerungen und zugleich globaler Ansprüche, Reichweiten und Vernetzungen stattfindet.

sandro.zanetti@uzh.ch

Lesen und Hören

Literatur empfohlen von Sandro Zanetti:

Jörgen Schäfer (Hg.): Dada total. Manifeste, Aktionen, Texte, Bilder; Reclam Verlag, 2015 «Dada ist ein gutes Beispiel für lokale Initiativen mit globaler Prägung und Reichweite.»

Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf; Verlag Jung und Jung, 2010 «Die Geschichte einer ungarischen Familie aus Serbien in der Schweiz.»

Ghérasim Luca: Das Körperecho / Lapsus linguae; Verlag Urs Engeler, 2004 «Als Sans-Papiers in Frankreich lebend, entwickelte Luca eine radikale Form von Poesie.»

Hiphop-Alben empfohlen von Ana Sobral:

K’naan: Dusty Foot Philosopher; 2005 «Die kompromisslose Geschichte einer Kindheit im kriegsgeplagten Somalia.»

Angel Haze: Dirty Gold; 2013 «Die Hiphopperin feiert die Queerness und fordert den Rap als sexistisches und frauenfeindliches Musikgenre heraus.»

Käpt’n Peng und die Tentakel von Delphi: Expedition ins O; 2013 «Eine deutsche Band auf der Suche nach universalen Wahrheiten – und das mit grosser lyrischer Eloquenz.»