Jane Beil-Wagner

Die Hoffnungsvolle

Molekularbiologin Jane Beil-Wagner arbeitet im Labor an der künstlichen Herstellung eines Pferdehormons, am Schreibtisch feilt sie an ihrer Geschäftsidee – ob ihr Spin-off-Projekt Equsave gelingen wird, steht momentan aber noch in den Sternen. 

Von Roger Nickl und Thomas Gull

Normalerweise arbeitet Jane Beil-Wagner im Labor. Doch zurzeit hängt die Molekularbiologin ihren Labormantel immer wieder an den Haken und wirft sich in Schale. Aus der Wissenschaftlerin wird eine Geschäftsfrau. Jane Beil-Wagner hat sich entschieden, eine Firma zu gründen – ein Abenteuer mit offenem Ausgang. Denn bei der Gründung von so genannten Spin-offs, Unternehmen, die aus der Forschung Produkte für den Markt entwickeln, liegen Erfolg und Scheitern oft nahe beisammen.

Beil-Wagner arbeitet am Institut für Labortierkunde der UZH im Bio-Technopark Schlieren. Hier ist auch die Idee für ihr Spin-off-Projekt Equsave entstanden, dass sie zusammen mit ihrer Forscherkollegin Sabine Specht vor zwei Jahren aufgegleist hat. Equsave verbindet Tierschutz und biologische Forschung. Den Anstoss gab 2015 ein Bericht der Animal Welfare Association über südamerikanische Farmen, auf denen trächtige Stuten quasi ausgeblutet werden. Aus dem abgezapften Pferdeblut wird das Hormon PMSG gewonnen, das in der Schweinezucht dazu verwendet wird, um den Zyklus von Mutterschweinen zu synchronisieren und so die Geburt der Ferkel zu koordinieren. Die meisten dieser Hormone stammen aus Südamerika. Als die beiden Zürcher Forscherinnen erfuhren, wie sie gewonnen werden, beschlossen sie, etwas zu unternehmen. Equsave will das Hormon im Labor herstellen und damit dem Leiden der Pferde ein Ende setzen.

Jane Beil-Wanger steht für eine Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die den Sprung von der Grundlagenforschung zur Firmengründung wagen, mit dem Ziele, aus ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen ein Produkt zu machen. Sie gehören damit zum artenreichen Innovations-Ökosystem, das rund um die Zürcher Hochschulen entstanden ist – ein Netzwerk von Forschenden, Industrie und Institutionen, die Jungunternehmerinnen und unternehmer unterstützen. «Innovation wird immer wichtiger», sagt UZH-Prorektor Michael Schaepman. An der Universität Zürich sind in den letzten zwanzig Jahren über 100 Spin-offs und zahlreiche Starz-ups lanciert und über 300 Lizenzen vergeben worden. Schaepman selbst gehört zu den akademischen Unternehmensgründern der ersten Stunde – Anfang der 1990er-Jahre hob er mit Kollegen die IT-Firma Netcetra aus der Taufe, die heute gegen 500 Mitarbeitende beschäftigt. «Wir gehörten zu einer frühen Generation von Forschenden, die Lust auf eine eigene Firma hatten», sagt der Geograf.

Jane Beil-Wagner steht mit ihrem Spinoff-Projekt noch ganz am Anfang. Doch der Start war ermutigend. Innert kürzester Zeit hatte sie 600 000 Franken zusammen, Geld, das es ihr nun erlaubt, bis Ende nächsten Jahres ihr Produkt und ihre Geschäftsidee weiterzuentwickeln. Allein 150 000 Franken erhielt Beil-Wagner vom UZH Entrepreneur-Fellowship in BioTech & MedTech, einem neuen Förderprogramm der UZH, das junge Forschende mit innovativen Ideen bei der Umsetzung ihrer Erfindungen unterstützt. Zum Fellowship gehören Kurse und Trainings, an denen künftige Unternehmensgründer etwa lernen, wie man einen Businessplan aufsetzt oder wie der rechtliche Rahmen bei Firmengründungen aussieht.

Momentan bewegt sich Jane Beil-Wagner in ganz unterschiedlichen Welten. Im Labor arbeitet sie an der künstlichen Herstellung des Pferdehormons, am Schreibtisch feilt sie an ihrer Geschäftsidee, und immer wieder zieht sie los, um ihr Projekt an Start-up-Wettbewerben, so genannten Pitch-Battles, zu präsentieren. Solche Anlässe, die Start-up-Förderer wie etwa Venture Kick, Kickstart Accelerator und verschiedene Stiftungen regelmässig organisieren, sind für die Jungunternehmer wichtig. Hier können sie sich mit anderen Start-upern messen und erhalten wichtige Rückmeldungen, um ihr eigenes Projekt zu optimieren. «Ich lerne bei jeder Präsentation etwas Neues dazu», sagt Beil-Wagner, «zurzeit ist kein Tag wie der andere – Alltagsroutine kommt da gar nicht erst auf.» Eine einfache Bedienungsanleitung zur erfolgreichen Firmengründung gibt es allerdings nicht, betont die Jungunternehmerin: «Jedes Projekt und jedes Produkt ist anders. Deshalb muss man selber herausfinden, was passt.»

Mit ihrem Spin-off-Projekt konnte Beil-Wagner eine Karrierelücke überbrücken, die sich nach ihrer Doktorarbeit auftat. Denn eine reine Forscherinnenlaufbahn konnte sie sich nicht vorstellen. Das Ziel, eine eigene Firma zu gründen und dadurch, wie sie sagt, «in der Welt etwas zu bewirken und im besten Fall Pferde zu retten», gibt ihr eine ganz neue Perspektive. Momentan ist allerdings noch vieles offen. Denn jetzt muss Jane Beil-Wagner zuerst beweisen, dass sich das Pferdehormon im Labor herstellen lässt. Ist dies gelungen, muss sie Investoren finden, die die geschätzten 6 bis 8 Millionen Franken aufbringen, die es braucht, um das Hormon grosstechnisch herzustellen.

Ob ihr Vorhaben diese für die meisten Firmen heikle Phase überstehen wird, steht noch in den Sternen. Jane Beil-Wagner ist jedoch zuversichtlich. Sie hofft, das Hormon bis Ende nächsten Jahres im Labor produzieren zu können. Frühestens Ende 2020 soll das Produkt dann marktreif sein. «Das ist sehr sportlich», sagt sie, «bisher hat alles viel mehr Zeit gebraucht als geplant.»