Bildstrecke: Wer bin ich?

 

Wer bin ich?

Stefanie Schröder

Wir haben Menschen verschiedenen Alters gefragt, wer sie sind. Der Fotograf Cyrill Matter hat sie fotografiert – seine Bilder und die kurzen Ich-Porträts hier in der Bilder-Galerie.

Wer bin ich?

Andi und der Adler

Ich gehe ins Literaturgymnasium Rämibühl, spiele Geige und bin Pfadileiterin. Aber wer bin ich? Das ist schwierig zu sagen. Ich bin wohl genau in dem Alter, in dem man versucht herauszufinden, wer man sein sill und wer man ist. Irgendwann hat man wohl eine fixe Antwort auf diese Frage. Doch unsere Identität ist nie abgeschlossen, sie entwickelt sich immer weiter. Ich schreibe meine Maturarbeit zum Thema Identität. Anhand des Romans «Americanah» der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie analysiere ich, was Identität bedeutet und wie sie sich in verschiedenen Kontexten verändert. Ich denke, in jeder Gesellschaft gibt es Erwartungen und Strukturen, die unser Verhalten beeinflussen und uns in Rollen drängen wollen. Doch annehmen müssen wir dies nicht.

Delia Müller (18) ist Mittelschülerin und schreibt ihre Maturarbeit zum Thema Identität.

Wer bin ich?

Stefanie Schröder

Ich bin unkompliziert, offen und direkt, manchmal aber auch ungeduldig. Die fünf Hektaren Land, die ich als Gemüsegärtnerin bewirtschafte, wurden mir mit der Zeit etwas eng. Deshalb habe ich mich nach einem anderen Job umgesehen. Nun bin ich Flugbegleiterin in Teilzeit. Sobald ich geschminkt und in Uniform bin, ist der Garten vergessen. Dann geht es in die grosse Welt – nach New York, Chicago, Johannesburg oder eine Destination in Europa. Das ist schön, aber auch stressig, weil die Arbeitsabläufe im Flugzeug streng durchorganisiert sind. Im Garten dagegen ist alles viel offener. Ich bin ungeschminkt und habe ein Messer in der Hosentasche – richtig frei fühle ich mich eigentlich nur hier. 

Stefanie Schröder (36) ist Gemüsegärtnerin und arbeitet als Flight Attendant bei der Swiss. 

Wer bin ich?

Raphael Borer

Ich bin auf Zypern geboren. Dort ging ich auch zur Schule, danach in Basel. Meine Mutter war alleinerziehend. Sie ist mein Vorbild – selbstständig, mit Durchhaltevermögen, ein Freigeist. Mein Ziel ist auch, frei entscheiden zu können, wo ich lebe und was ich arbeiten will. Nach meinem Praktikum werde ich in Basel mein Masterstudium European Global Studies machen, um zu verstehen, wie multikulturelle Gesellschaften funktionieren. Ich bin kein Karrieremensch, sondern studiere aus Interesse. Bevor ich etwas Neues anfange, überlege ich min: Macht mich das glücklich? Bringt es mich weiter? Wegen meines Alters habei ch das Gefühl mich langsam auf ein konkretes Berufsziel festlegen zu müssen. Gelichzeitig bin ich zuversichtlich – die Welt ist so vielfältig, ich werde sicher etwas finden, das zu mir passt.

Raphael Borer (27) ist Praktikant bei der Kommunikationsstelle der UZH.

Wer bin ich?

Moritz Daum

Ich bin Vater von drei Kinder, Entwicklungspsychologe aus Leidenschaft und Fan de FC Bayern München. Bevor ich meinen Beruf fand, habe ich einiges ausprobiert: Schauspiel, Gesang, Musik und Biologie. Die Psychologieprofessur an der UZH ist für mich wie ein Sechser im Lotto. Hier kann ich meine Ideen umsetzen. Eines meiner grossen Vorbilder ist der Bassbariton Bryn Terfel – er singt fantastisch und strahlt eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus. Mit dieser Ruhe und Gelassenheit würd eich gerne meine Vorlesungen halten und den täglichen Herausforderungen begegnen.

Moritz Daum (47) ist Professor für Entwicklungspsychologie an der UZH.

Wer bin ich?

Gottfried Breitfuss

«Ich ist ein anderer», hat Arthur Rimbaud gesagt. Als Schauspieler bin ich ein Chamäleon. Auf der Bühne probiere ich regelmässig andere Ichs. Sich eine Rolle anzueignen ist ein sehr physischer Prozess: Ich werde zu einem anderen Ich, in dem ich anders handle, mich anders verhalte, anders fühle. Gelingt diese Verwandlung besonders gut, erlebe ich das als rieseges Glück. Erfahren habe ich es vor Jahren, als ich in einem Stück den Regisseur Rainer Werner Fassbinder gab, und neulich im Zürcher Schauspielhaus mit wenig Text, dafür mit rosa Kleidchen und blonder Perücke als Yvonne, die Burgunderprinzessin. In solchen Momenten bin ich ein anderer und gleichzeitig ganz ich selbst.

Gottfried Breitfuss (62) ist Schauspieler und Ensemblemitglied des Zürcher Schauspielhauses.

Wer bin ich?

Gottfried Breitfuss

Ich bin bisexuell und queer. Das bedeutet, dass ich mich in meiner sexuellen Orientierung nicht auf ein Geschlecht beschränke. Diese fluide Identität erlebe ich als grosse Freiheit. Sie sensibilisiert mich auf für andere, die von der Gesellschaft als anders wahrgenommen werden. Ich finde, wir sollten Menschen allgemein weniger in Kästchen stecken. Eines meiner Vorbilder ist Simone de Beauvoir. Sie fasziniert mich als politische und feministische Denkerin und war, wie ich später herausgefunden habe, auch queer. Um Politik dreht sich meine Masterarbeit an der UZH: Ich gehe der Frage nach, ob Menschen mit einer sexistischen Einstellung eher rechtspopulistische Parteien wählen.

Michelle Huber (26) hat an der UZH Politikwissenschaft, Gender Studies und Philosophie studiert und schreibt zurzeit an ihrer Masterarbeit.

Wer bin ich?

Sabrina Sanfilippo

Ich bin in einer italienischen Familie in der Nähe von Solothurn aufgewachsen. Ich passe nicht in eine einzige Schublade: Ich bin Sizilianerin, Italienerin, Schweizerin, Zürcherin. In meiner Kindheit waren wir immer die Anderen. Wir redeten anders, verhielten uns anders, sahen anders aus. Das Gefühl, fremd zu sein, ist mir sehr vertraut. Als ich dreizehn war, zogen wir nach Vicenza. Meine Geschwister und ich freuten uns: Endlich in die Heimat! Wir kleideten uns italienisch, hörten italienische Musik, redeten italienisch und waren für die Einheimischen dann doch einfach nur die "Svizzeri", wieder die Anderen. Das stürzte mich in eine Identitätskrise. Ein Jahr später, wieder zurück in der Schweiz, fühlte ich mich total orientierungslos. Das ist lange her. heute weiss ich manchmal nicht, ob ich gerade italienisch oder deutsch gespochen habe – beides gehört gleichermassen zu mir.

Sabrina Sanfilippo (55) hat an der UZH Psychologie studiert und arbeitet heute als Psychologin und Psychotherapeutin.

Wer bin ich?

Peter v. Matt

Ich bin ein alter Mann, meistens, ausser wenn ich allein bin. Mit der Emeritierung bin ich die Uni-Routine losgeworden. Ich publiziere aber weiter. Da waren kürzlich das Keller- und das Spitteler-Jubiläum, bald kommt Dürrenmatt. Man hat ja viele Existenzen. Man ist ein anderer, wenn man mit Kindern spricht, wenn man Schopenhauer liest, wenn man Würste brät. Das Zentrum meiner Person kenne ich nicht, meine Frau weiss da wahrscheinlich mehr.

Peter von Matt (83) is emeritierter Professor für Neue Deutsche Literatur an der UZH.