Illu Baum

Schleichers Traum

Der Homo sapiens hat sich von Afrika aus über den ganzen Globus ausgebreitet und mit ihm die menschliche Sprache. Jetzt wird der Stammbaum unserer Sprachen nachgezeichnet, mit modernsten Methoden aus Big Data, Genetik und Geostatistik.

Text: Roger Nickl

Die Geschichte des modernen Menschen, des Homo sapiens, beginnt vor etwa 300000 Jahren. Man nimmt an, dass er von Afrika aus die Welt erobert hat. Im Gepäck hatte er die Sprache. Sie hat sich genauso vielfältig entwickelt wie der Mensch. Gemeinsam haben sie sich unterschiedlichen äusseren Bedingungen angepasst, um zu überleben. In der Genealogie der Sprachen spiegelt sich deshalb die Geschichte der Menschheit – kulturell, räumlich, aber auch genetisch. «Die Entwicklung der Sprachen ist ein Evolutionsprozess», sagt Linguist Balthasar Bickel, «die Sprache wird wie die Gene von Generation zu Generation weitergegeben. Sie verändert sich dabei ähnlich wie unser genetisches Erbe durch Mutation und Selektion – ständig kommen neue Wörter und sprachliche Strukturen dazu, und solche, die nicht mehr benötigt werden, gehen verloren».

Balthasar Bickel ist Professor für Vergleichende Sprachwissenschaft an der UZH und leitet den Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) «Evolving Language». Zu den Zielen des NFS gehört, den Stammbaum der menschlichen Sprache nachzuzeichnen. Das heisst, erklären zu können, woher sie kommt, wie sie sich entwickelt hat und in welchem Verwandtschaftsverhältnis die über 300 Sprachfamilien und 7000 Sprachen stehen, die es heute auf der Welt gibt. Um dies herauszufinden, werden modernste wissenschaftliche Methoden eingesetzt. Auch solche, die nicht zum ursprünglichen Feld der Sprachwissenschaften zählen. So arbeitet Bickel mit der Populationsgenetikerin Chiara Barbieri und dem Geoinformatiker Robert Weibel zusammen. Weibel ist Professor für Geografische Informationswissenschaft, Barbieri leitet die Forschungsgruppe «Human Genetic Diversity across Languages and Cultures» am Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der UZH. Gemeinsam versuchen die Forschenden, den Zusammenhang zwischen der Ausbreitung des Menschen über den Globus und der Entwicklung der verschiedenen Sprachen zu erforschen.

Dabei teilt die Sprachwissenschaft die Entwick­lung der menschlichen Sprache grob in zwei Phasen, in die Zeit vor und nach der Neolithischen Revolution. Vor der Neolithischen Revolution waren unsere Vorfahren als Jäger und Sammler unterwegs. Sie ernährten sich von Beeren und Pflanzen und vom Fleisch erlegter Tiere. Die Jäger und Sammler lebten in überschaubaren Gruppen und waren nomadisch, was dazu führ­te, dass sie sich immer wieder neuen Lebensumständen anpassen mussten. Gleichzeitig gab es zwischen den weit verstreut lebenden ersten Menschen-Clans wenig Kontakt. In dieser Konstellation haben sich die Sprachen schnell verändert und verzweigt, sagt Balthasar Bickel. «Wir vermuten darum, dass es immer schon viele verschiedene Sprachen gab.»

Aus Jägern werden Bauern

Die Jäger-und-Sammler-Phase des Homo sapiens dau­erte mehrere hunderttausend Jahre. Dann setzte vor rund zehntausend Jahren die Neolithische Revolution ein, die die Lebensweise der meisten Menschen komplett veränderte: Aus den nomadischen Jägern und Sammlern wurden sesshafte Bauern. Damit wurde der Grundstein gelegt für die ersten Hochkulturen und grössere staatliche Gebilde.

Dies war auch eine Zäsur für die Entwicklung der Sprache. Denn nun bildeten sich grössere Sprachgemeinschaften. Ein Grund dafür war, dass die Landwirtschaft ein unbeständiges Geschäft war: Einmal produzierten die Bauern Überschüsse, dann wieder Missernten. Der Überschuss musste verkauft und der Mangel durch Ankäufe kompensiert werden. «Die Bauern mussten ihr soziales Netzwerk vergrössern, um handeln zu können», sagt Balthasar Bickel. Und um handeln zu können, musste man sich verständigen. Dies führte mit der Zeit zu grossflächigeren Familien von Sprachen, die mehr oder weniger miteinander verwandt sind.

Dank Ackerbau und Viehzucht konnten mit der Zeit auch mehr Menschen ernährt werden. Die Folgen waren ein massives Bevölkerungswachstum. Dieses zwang unser Vorfahren, sich neue Lebensgrundlagen zu suchen. «Sie begannen deshalb zu migrieren», sagt UZH-Populationsgenetikerin Chiara Barbieri. Sie wanderten in neue Gebiete und bildeten dort neue Gruppen. Damit diversifizierte sich die Genetik, aber auch die Sprache(n), erklärt Barbieri. Gleichzeitig blieben sie aber über Handelsbeziehungen miteinander im Kontakt. Und über Kriege. «Die Menschen in einer Grossregion konnten sich gerade noch einigermassen verstehen», sagt Balthasar Bickel.

Sprachen wandern mit den Menschen

Genetik und Sprache sind deshalb eng miteinander verknüpft. Und die Wanderbewegungen der Menschen haben Sprache(n) verändert. Wenn man den Spiess umdreht, können sprachliche und genetische Übereinstimmungen Hinweise auf eine gemeinsame Herkunft sein. Im Rahmen des NFS-Projekts «Evolving Language» werden diese Zusammenhänge erforscht und in Modellen integriert.

Zu diesem Zweck hat Geostatistiker und Informatikspezialist Robert Weibel mit seinem Team Simulationen entwickelt, die beispielsweise zeigen, in welchem Teil der Welt es in der Vergangenheit zu Migrationen kam, ausgelöst durch Umweltfaktoren wie etwa ein verändertes Klima. Solche Wanderbewegungen konnten dazu führen, dass es zu neuen Kontakten zwischen vorher entfernten Menschengruppen kam, aber auch dazu, dass verwandte Gruppen auseinanderdrifteten. Beides spiegelt sich in der Genetik und der Sprache.

Populationsgenetikerin Chiara Barbieri erforscht deshalb, wie verschiedene Gruppen miteinander verwandt sind und wann in der Geschichte sie sich getrennt haben. Damit lassen sich historische Entwicklungen nachzeichnen. Diese sind immer auch ein Hinweis darauf, wie sich Sprachen verzweigt und weiterentwickelt haben, etwa indem sie sich näherkamen oder weiter auseinanderrückten. «So können wir feststellen, wo die genetischen und sprachlichen Stammbäume übereinstimmen und wo nicht», sagt Barbieri. Wenn sie nicht übereinstimmen, muss etwas Disruptives passiert sein, das diese Verbindung zwischen Genpool und Sprache gesprengt hat, beispielsweise ein Krieg oder neue politische Machtverhältnisse.

Ein solches Beispiel ist Ungarn. Genetisch gesehen lassen sich Ungarinnen und Ungaren nicht von anderen Westeuropäern unterscheiden. «Ihr Gen­profil ist mehr oder weniger identisch mit dem von Deutschen, Schweizerinnen oder Tschechen», sagt Chiara Barbieri. Doch die ungarische Sprache ist überhaupt nicht mit denjenigen der Nachbarn verwandt. Das Ungarische stammt ursprünglich aus Sibirien. «Eine solche Differenz zur Genetik weist darauf hin, dass Menschen eine neue Sprache übernommen haben», sagt Balthasar Bickel, «im Fall des Ungarischen wissen wir auch, wie das passiert ist, nämlich rein militärisch.» Ungarisch war die Sprache einer aus Sibirien stammenden Militärelite, die im Gebiet des heutigen Ungarn die Macht übernahm. Die Sprache der Herrschenden wurde dann von den Einheimischen übernommen, so wie die Gallier einst haben Latein lernen müssen.

Unbekannte Ursprache

Bickel, Barbieri und Weibel arbeiten mit ihrer Forschung zum Stammbaum der Sprache an der Verwirklichung eines Traums, den schon die Sprachwissenschaftler im 19. Jahrhundert träumten: die Familiengeschichte der Sprache(n) zu schreiben – mit all ihren Irrungen und Wirrungen. Der Indogermanist August Schleicher (1821–1868) beispielsweise verglich die unterschiedlichen indogermanischen Sprachen, um ihre gemeinsame Herkunft aus einer weit in der Vergangenheit liegenden Ursprache zu rekonstruieren. Schleicher verstand die Linguistik als eine Naturwissenschaft und ging davon aus, dass sich Sprachen – ähnlich wie die biologischen Arten – gemäss den Gesetzen der Evolution weiterentwickeln. Um die Verwandtschaftsverhältnisse der indogermanischen Sprachen darzustellen – zu denen Deutsch, Englisch, aber auch Persisch gehören –, verwendete Schleicher Stammbäume, die er aus schriftlichen Quellen der verschiedenen Sprachen ableitete. Schleichers Stammbäume wurzelten in einer unbekannten Ursprache in grauer Vorzeit und wuchsen und verzweigten sich von dort aus über die Jahrhunderte bis zu jüngsten Blüten der Sprachgeschichte, den aktuellen Sprachen seiner Zeit.

Die Forschenden des NFS «Evolving Language» knüpfen im Prinzip an die Forschung von Wissenschaftlern wie August Schleicher an, verfügen im Gegensatz zu diesen heute aber über ganz andere technische und methodische Mittel, um die vielen Fragen zur Evolution der Sprache und zur Sprachentwicklung zu klären und die Lücken in unserem Wissen zu schliessen. Mit den gleichen statistischen Methoden, mit denen Chiara Barbieri Gensequenzen von Bevölkerungsgruppen analysiert, vergleichen Bickel und Barbieri Wörter. «Wie bei der Genanalyse haben wir lange Listen, Hunderte Positionen mit Wörtern wie beispielsweise Vogel, bird, oiseau …», sagt Balthasar Bickel, «man kann gut zeigen, welche Wörter ursprünglich miteinander verwandt waren und welche nicht.»

Damit lässt sich, wie bei der Genetik, statistisch ein Stammbaum errechnen. So arbeiten sich die Forschenden gewissermassen von den äussersten Zweigen über die Äste zum Stamm des Sprachbaums vor. Ziel ist, bis zu den Wurzeln in der Neolithischen Revolution vorzudringen. Dort verortet Bickel im Moment die «Schallgrenze» dessen, was sich auch mit modernsten wissenschaftlichen Methoden über die Ausbreitung der Sprachen sagen lässt.

Prähistorische Sprachknochen

Bickels sprachwissenschaftliche «Schallgrenze» liegt demnach etwa 10000 Jahre in der Vergangenheit. Allerdings finden sich gelegentlich «prähistorische Sprachknochen», die deutlich älter sind. Auf einen solchen sind die Forschenden in der Himalaya-Region gestossen. Die schwer zugänglichen Täler des Hochgebirges bilden eine Insel im Strom der Migrationsbewegungen, die die Geschichte Asiens und Europas geprägt und so die ursprüngliche sprachliche Vielfalt verwischt und durch grossräumige Sprachfamilien ersetzt haben.

Deshalb finde man im Himalaya «noch ganz alte Sprachstrukturen», so Bickel. Dazu gehören beispielsweise auffällige grammatische Konstruktionen im Burushaski (Nord-Pakistan) oder im Limbu (Nepal, Bhutan, Indien), die den Besitz einer Sache anzeigen. «Wir fanden Possessivkonstruktionen, die abhängig sind von der Sache, die besessen wird. «Meine Tasse» wird beispielsweise grammatisch ganz anders konstruiert als «mein Computer» oder «mein Bruder». Eine solche Unterscheidung findet sich sonst nirgends auf dem ganzen eurasischen Kontinent. Fündig geworden sind die Sprachwissenschaftler jedoch in ganz anderen Regionen der Welt – etwa in den Sprachen der Ureinwohner Amerikas. «Das könnte darauf hindeuten, dass diese grammatikalische Konstruktion älter ist als die Neolithische Revolution», sagt Balthasar Bickel. Denn Amerika wurde vermutlich vor etwa 18000 Jahren über die damals zugefrorene Beringstrasse besiedelt.

Wenn diese Theorie stimmt, wäre das ein Hinweis darauf, wie Sprachen vor der «Schallgrenze» der Neolithischen Revolution ausgesehen haben. «Das wäre schon ein grossartiges Ding», sagt Balthasar Bickel, «wir würden dann den Zipfel packen von etwas, das vielleicht seit Menschenge­denken da war.» Bickel meint damit den Zipfel der ursprünglichen Sprache(n), die von den Jägern und Sammlern in die ganze Welt getragen wurde. Und das wäre tatsächlich eine grossartige Sache.

Sprachwandel

Wir mögen es übersichtlich

Rund 7000 Sprachen gibt es heute weltweit, die sich punkto Grammatik, Wortschatz und Lautgestalt zum Teil erheblich unterscheiden. Doch weshalb gibt es eine so grosse Vielfalt und nicht nur eine einzige Sprache? «Es gehört zum Kern der menschlichen Sprachen, dass sie sich ständig verändern und aufsplitten», sagt Sprachwissenschaftler Balthasar Bickel. Es gebe nichts Universelleres an Sprache, als dass sie sich ständig wandelt. Nix ist also fix, sprachlich gesehen. Und deshalb gibt es beispielsweise Sprachen mit für europäische Ohren exotisch klingenden Klick- und Schnalzlauten, wie sie im südlichen Afrika gesprochen werden, und solche mit Wörtern wie «Chuchichäschtli», die für viele Nichtmuttersprachler schwer auszusprechen sind.

Ein Grund für diese grosse sprachliche Vielfalt, die sich im Lauf der Geschichte entwickelt hat, ist vermutlich die soziale Funktion von Sprache. Wir Menschen neigen dazu, übersichtliche Gruppen zu bilden und uns von anderen abzugrenzen. Die Sprache unterstützt uns dabei – sie schafft Identität und Gruppengefühl nach innen und ermöglicht es nach aussen, sich von anderen zu unterscheiden.

Die soziale Abgrenzung ist quasi ein Motor des permanenten Sprachwandels. Der englische Psychologe und Sprachforscher Robin Dunbar hat in den 1990er-Jahren gezeigt, dass menschliche Gruppen eine gewisse Grösse nicht überschreiten. Laut seinen Analysen bestehen sie aus maximal 150 Personen, bekannt wurde dieser Wert als «Dunbar-Zahl». «Sie gilt für Clans in Jäger-und-Sammler-Gesellschaften genauso wie für Facebook-Gruppen», sagt Balthasar Bickel, «es scheint die Idealgrösse zu sein, in der wir uns wohl fühlen – mit mehr Menschen können wir nicht kooperieren, an mehr Leute können wir uns nicht erinnern.» Die Dunbar-Zahl stimmt übrigens auch für grosse Sprachen wie das Englische oder das Deutsche. Auch bei diesen grossen Sprachen ist der Effekt einer stetigen Ausdifferenzierung zu beobachten – es entstehen zwar keine neuen Sprachen, dafür immer neue Dialekte, die sich minimal von anderen unterscheiden.