Sechseläutenplatz Zürich

Weniger Zoff am Zürichsee

Die Coronakrise hat nicht zu mehr Jugendgewalt geführt, sagt der Kriminologe Manuel Eisner. Ein Gespräch über Kriminalität in Krisenzeiten, aktuelle Verschwörungstheorien und die Auswirkungen der Pandemie auf junge Menschen.

Interview: Alice Werner
Bilder: Stefan Walter

In der Berichterstattung zu Covid-19 tauchte immer wieder die Behauptung auf, dass in Krisenzeiten die Gewalt zunimmt. Was ist an solch einer Schlagzeile dran?

Manuel Eisner: Die Forschung bestätigt eine solche Generalisierung nicht. Das zeigt bereits die grosse Weltfinanzkrise von 2007/08. Zahlreiche Menschen haben damals Arbeit und Eigentum verloren, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit breiteten sich aus. Viele Experten waren überzeugt, dass Gewalt und Kriminalität zunehmen würden. Tatsächlich ist dann aber nichts dergleichen passiert. Umgekehrt gibt es auch Formen von Gewalt, die geradezu auf gute Zeiten angewiesen sind. Beispielsweise stiegen im 19. Jahrhundert im Kanton Zürich die Körperverletzungen parallel zum Konjunkturzyklus. Florierte die Wirtschaft, gingen mehr junge Männer aus und konsumierten Alkohol, und das begünstigte dann die sprichwörtliche Wirtshausschlägerei.

Sie haben kürzlich in «Nature Human Behavior» eine Analyse zu den Auswirkungen der Covid-19-Krise auf die Gewaltentwicklung veröffentlicht. Zu welchen Schlüssen sind Sie gekommen?

Eisner: Die Studie war eine internationale Zusammenarbeit mit 37 Kolleginnen und Kollegen. Wir haben die Anzahl der täglich polizeilich erfassten Delikte in 27 rund um den Globus verteilten Städten untersucht – vom einfachen (Fahrzeug-)Diebstahl über Einbruch, Raub, Körperverletzung bis hin zu Mord. Dabei konnten wir aufzeigen, dass alle Arten von Delikten unmittelbar nach dem Erlass der Corona-Anordnung, möglichst zu Hause zu bleiben, deutlich rückläufig waren – teilweise um bis zu 90 Prozent. Der Rückgang der Kriminalitätsrate war am stärksten bei einfachem Diebstahl und Raub. Diese Delikte sind auf die Gelegenheitsstrukturen in belebten Strassen, in Einkaufszentren und im öffentlichen Verkehr angewiesen. Wenn das öffentliche Leben einfriert, dann schwindet auch der Nährboden für diese Art von Delinquenz. Weniger stark war der Rückgang bei Einbrüchen. Hier spielte wohl eine Rolle, dass nun zwar Privathäuser rund um die Uhr bewacht waren, aber dafür Lagerräume und Läden umso weniger. Ausserdem ergaben unsere Daten klar: Je massiver der Lockdown durchgesetzt wurde, desto stärker war der Kriminalitätsrückgang. So lagen im wenig restriktiven Stockholm die registrierten Delikte weitgehend im üblichen Rahmen, in Barcelona und Lima dagegen verschwand die Strassenkriminalität für ein paar Wochen fast ganz.

Und nachdem die Einschränkungen im öffentlichen Leben wieder schrittweise gelockert wurden …
Eisner: … stiegen auch die Kriminalitätsraten wieder – bis sie sich genau auf dem Niveau eingependelt haben, wo sie vor der Covid-19-Krise waren. Bei gesellschaftlichen Gewaltniveaus zeigt sich ein erstaunlich hohes Mass an Kontinuität. Beobachten kann man ausserdem, dass sich negative Tendenzen, die bereits vor der Corona-Pandemie existierten, nun – quasi nach einer kleinen «Verschnaufpause» – wieder fortsetzen.

Welche Tendenzen meinen Sie?

Eisner: Seit Mitte der 1990er-Jahre ist die Kriminalität in den meisten westlichen Ländern rückläufig. Der sinkende Trend setzte sich sogar während der bereits angesprochenen Weltfinanzkrise fort. Diese langfristige,
positive Entwicklung der Gewalttaten scheint – zumindest vorläufig – zu Ende zu sein. Seit etwa fünf, sechs Jahren gibt es in zahlreichen Ländern, etwa in Deutschland, Schweden, Grossbritannien und den USA, Hinweise darauf, dass die Zeit sinkender Gewaltneigung vorbei ist. Die Gewaltkurven steigen in diesen Ländern wieder.

Was könnten die Ursachen dafür sein?

Eisner: Warum es in den letzten Jahren vielerorts zu einem Anstieg in den Polizeidaten kam, lässt sich im Moment nicht beurteilen, da uns noch Daten aus Opferbefragungen in der Bevölkerung fehlen. Ausserdem ist es sehr wohl möglich, dass der Anstieg teilweise eine Veränderung des Anzeigeverhaltens, der polizeilichen Registrierung und der Aufklärungsquote spiegelt. Interessant ist aber, dass – zumindest in Europa und in Grossbritannien – für den betreffenden Zeitraum ab 2015 keine der üblichen Stereotype, die in Zusammenhang mit einer Zunahme von Gewalt diskutiert werden, greifen. Es gab in diesem Zeitraum keine Finanzkrise, keine extreme Zunahme von Arbeitslosigkeit, keine ausserordentliche Migrationswelle. In Grossbritannien gibt es Hinweise darauf, dass die Zunahme von schwerer Gewalt mit einem Umbruch im illegalen Drogenmarkt in Zusammenhang steht. Ob ähnliche Prozesse in anderen Ländern zum beobachteten Gewaltanstieg beigetragen haben, muss die weitere Forschung zeigen. Anders sieht die Situation in den USA aus. Hier hat sich der Trend zu mehr Gewaltdelikten durch die Coronapandemie verstärkt. Der enorme Anstieg der Arbeitslosenrate und der wirtschaftlichen Probleme bis weit in die Mittelschicht hinein führte zu sozialen Unruhen sowie zu grös­serer Gewaltbereitschaft. Gleichzeitig erfasste nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd die Bewegung «Black Lives Matter» das ganze Land; im Fahrwasser der Kundgebungen kam es zu Plünderungen sowie links- und rechtsextremer Gewalt.

Hat Corona eine Radikalisierung bestimmter sozialer Gruppen verstärkt?

Eisner: Ein aktuelles Problem ist tatsächlich die Zunahme verschiedener Formen von Verschwörungstheorien, die oft mit einer Radikalisierung von Menschen einhergeht. Um noch mal auf die Situation in den USA zurückzukommen: Unter dem Mob, der am 6. Januar 2021 das Capitol in Washington stürmte, waren viele Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker, etwa Anhänger der QAnon-Bewegung. Auch im Kanton Zürich glaubt – gemäss der Studie eines Forscherkollegen an der ZHAW – eine erhebliche Minderheit diverse Covid-bezogene Verschwörungstheorien: Jeder achte Jugendliche war beispielsweise davon überzeugt, dass Covid absichtlich in die Welt gebracht wurde, um die Bevölkerungszahl zu reduzieren. Daran anschliessend wollen wir am Jacobs Center untersuchen, bei welchen jungen Menschen die Erfahrungen mit Covid eine grössere Akzeptanz für Verschwörungstheorien hervorgerufen haben und ob diese mit einer höheren Gewaltneigung einhergeht.

Welche Folgen hatte die Coronapandemie auf die Jugendkriminalität?

Eisner: Das Fazit nach 18 Monaten lautet: erstaunlich wenige. Während des Lockdowns – als Läden, Schulen, Bars und andere Ausgangsgelegenheiten geschlossen waren – ging auch die Jugendkriminalität zurück. Als sich das städtische Leben wieder normalisierte, normalisierte sich auch die Kriminalität unter Jugendlichen – vielleicht mit einem gewissen «Nachholbedarf» und einer beschleunigten Verlagerung von krimineller Energie in die Cyberkriminalität. Aber mittlerweile haben sich auch die Jugendkriminalitätsraten auf Vor-Corona-Niveau eingependelt. Für 2020 konnte kein markanter Anstieg festgestellt werden

Dass die Coronakrise zu keiner signifikanten Zunahme von Jugendgewalt geführt hat – trotz der enormen Einschränkungen und Herausforderungen, denen Heranwachsende in den letzten eineinhalb Jahren ausgesetzt waren – sind doch gute Neuigkeiten, oder?

Eisner: Im Prinzip schon, man darf sich bei diesem Thema aber nicht ausschliesslich auf die Polizeistatistiken verlassen. Diese widerspiegeln nur ein Bild von Jugendgewalt, das geprägt ist von Tätlichkeiten, Raub und Drohungen – kriminelle Taten, die oft im öffentlichen Raum in Gruppen verübt werden. Aber es gibt noch andere Manifestationsformen von Jugendgewalt, die in der Polizeistatistik kaum auftauchen: Mobbing an der Schule, verbale und manchmal auch physische Gewalt gegen Eltern und Geschwister oder verbale, physische und sexuelle Gewalt im Rahmen von Partnerschaften. In Befragungen, wie wir sie am Jacobs Center for Productive Youth Development etwa im Rahmen von z-proso, der interdisziplinären Langzeitstudie zur sozialen Entwicklung von Kindern, durchführen, kommen diverse Gewaltformen von und an Jugendlichen ans Licht.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Eisner: Im Rahmen von z-proso haben wir in vier Erhebungen von April bis September 2020 häusliche Gewalt unter jungen Erwachsenen im Alter von zirka 22 Jahren untersucht. Wir fanden eine tendenzielle Zunahme während des Lockdowns mit einem Maximum gegen Ende Mai, als die besonderen Massnahmen allmählich gelockert wurden. Interessant war, welche Prozesse mit einer erhöhten Gewaltneigung einhergingen. Gewalt wurde wahrscheinlicher, wenn die jungen Erwachsenen während des Lockdowns mehr belastende Lebensereignisse (etwa Kurzarbeit, finanzielle Probleme, Abbruch einer Ausbildung) erfuhren. Wir hatten vermutet, dass die Gewaltbereitschaft steigt, weil die belastenden Ereignisse zu Wut und Ärger führen. Das konnte aber nicht bestätigt werden. Vielmehr hatten vor allem jene jungen Erwachsenen eine erhöhte Gewaltneigung, bei denen die Belastungen zu mehr depressiven Stimmungen, Ängsten und Schlafstörungen geführt hatten. Für die Prävention und Intervention ist es entscheidend, solche Mechanismen zu verstehen.

Könnten die erfahrenen emotionalen Belastungen sowie die allgemeinen Folgen der Pandemie, etwa verschärfte Ausbildungssituationen, familiäre Belastungen, veränderte Alltagsstrukturen oder finanzielle Unsicherheiten, in den nächsten Jahren zu mehr Gewaltproblemen unter Jugendlichen führen?

Eisner: Es wird im Moment viel über die langfristigen Effekte der Pandemie auf Jugendliche geschrieben. Sicherlich wurden einige bekannte Ursachen für Jugendkriminalität während der Covid-19-Krise nicht gerade ins Positive verändert. Für Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen könnte dies tatsächlich ein erhöhtes Risiko für Gewaltdelikte bedeuten. Das ist aber reine Spekulation. Ich selbst bin jedenfalls ausserstande, zu prognostizieren, ob sich in den kommenden Jahren Gewaltprobleme infolge der Pandemie verstärken werden. Im Moment sieht es ja nicht danach aus, als müssten wir eine Post-Corona-Wirtschaftskrise erwarten. Die Arbeitslosigkeit sinkt und die Wirtschaft wächst.

Kann man aus der Coronakrise etwas über Gewaltprävention lernen?

Eisner: Auf jeden Fall. Dass die Kriminalität während des Lockdowns merklich zurückgegangen ist, lässt sich unter anderem mit einer Änderung der Alltagsroutinen und des Freizeitverhaltens erklären. Kurz gesagt: Viele Mikrosituationen, die im Alltag zu zwischenmenschlichen Konflikten und impulsiven Reaktionen führen können – sei es die morgendliche Fahrt zur Arbeit in einem vollbesetzen Tram oder das abendliche Rumhängen von jugendlichen Cliquen an viel frequentierten Plätzen – fielen schlagartig weg, während die restlichen sozialen Strukturen weitgehend erhalten blieben. In der Stadt Zürich sanken die Gewaltquoten vor allem in der Altstadt, am Seeufer und um die Langstrasse. Daraus lässt sich schliessen, dass die Art und Weise, wie sich Menschen im öffentlichen Raum bewegen, wie sie einander begegnen, welchen Aktivitäten sie nachgehen und welche Gelegenheiten sich daraus ergeben, prägend für das gesellschaftliche Gewaltniveau ist. Dieser Befund verdeutlicht, wie sinnvoll situationsbezogene Ansätze zur Prävention von Gewalt sein können.

Können Sie das näher erklären?

Eisner: Ziel ist es, Tatgelegenheiten zu reduzieren, beispielsweise durch den Einsatz von Zugbegleitern im öffentlichen Nahverkehr, durch eine bessere Strassenbeleuchtung etwa von Plätzen und Parks, durch das Aufstellen von Schildern, die das Verhalten im öffentlichen Raum regulieren oder auch durch vermehrte Polizeikontrollen von Drogen- und Alkoholkonsum an bekannten Hotspots.

In der öffentlichen Diskussion zum Thema Gewalt wird häufig ein tiefgehender sozialer Wandel gefordert.

Eisner: Das ist auch richtig. Wir müssen uns bemühen, etwa die soziale Integration zu verbessern, weil sozialer Ausschluss die Gewaltneigung erhöhen kann. Aber das sind langfristige Ziele, die ein staatliches Eingreifen bis in die tiefsten Ebenen der Gesellschaft erfordern. Die Coronapandemie hat uns in der Ansicht bestärkt, dass situative Massnahmen, die Gelegenheiten zu Konflikten und Aggression reduzierenein grosses Potenzial zur Vermeidung von Gewalt bieten. Das ist meiner Meinung nach eine sehr positive Botschaft.

z-proso

Wie Kinder sich entwickeln

Als Leiter des Zürcher Projekts zur sozialen Entwicklung von der Kindheit ins Erwachsenenalter (z-proso) untersucht Manuel Eisner gemeinsam mit seinem Team, wie individuelle, familiäre, schulische und situative Faktoren bei der Entstehung von prosozialen Eigenschaften, aber auch von Gewalt und anderem Problemverhalten zusammenwirken. Seit Beginn der Langzeitstudie im Jahr 2004 wurden über 1400 junge Menschen in regelmässigen Stichproben befragt. Im vergangenen Jahr führte das z-proso-Team vier spezielle Covid-19-Befragungen unter heute 22-jährigen Studienteilnehmenden durch.