Frau mit Blindenhund auf Fussgängerstreifen

Wieder sehen

Am Institut für Neuroinformatik arbeiten Ingenieure an der Neuroprothese der Zukunft: Sie soll blinden Menschen wieder Sehkraft verleihen, indem sie Kamerabilder per Elektroden ins Gehirn leitet.

Text: Stefan Stöcklin

Das Auge ist ein unglaubliches Wunderwerk: Dank einer kleinen Delle in der Mitte des gelben Flecks unserer Netzhaut können wir scharf sehen – und diesen Text lesen. In dieser winzigen, nur anderthalb Millimeter grossen Grube (Fovea) im Augeninnern sitzen die farbempfindlichen Photorezeptorzellen besonders eng beieinander. 150000 dieser Zapfen registrieren hier dichtgedrängt das einfallende Licht. Jede dieser Zellen ist mit einer Ganglienzelle verbunden, die das Signal in die Sehrinde des Gehirns leitet. Die über den Thalamus geleiteten Nervensignale ermöglichen die bewusste Wahrnehmung der Umwelt durch die Augen. Sind die Fovea oder andere Teile der Netzhaut mit ihren insgesamt über hundert Millionen Stäbchen und Zapfen beschädigt, führt das meist zu einer schweren Sehbehinderung.
Shih-Chii Liu will diesen Menschen, die wegen Beeinträchtigungen der Netzhaut oder des Sehnervs nicht mehr sehen können, helfen. Die Elektroingenieurin und Gruppenleiterin am Institut für Neuroinformatik der UZH leitet das europäische Projekt «NeuraViPeR» zur Entwicklung einer Neuroprothese für Blinde. «Wir sind noch nicht in der Lage, die unglaublichen Leistungen des Auges elektronisch zu kopieren», räumt die Professorin für Neuromorphe Systeme und Bildsensoren gleich zu Beginn ein. «Aber wir hoffen, dass blinde Menschen dank unserer Hilfe künftig zumindest ein einfaches Abbild der Umwelt wahrnehmen können.»

Kind des Silicon Valley

Wir sitzen im Büro von Liu im Trakt 55 auf dem Campus Irchel. Ihr Arbeitsraum ist überfüllt mit Computern und elektronischen Bauteilen, in einer Schachtel liegen Computerchips, die unter ihrer Leitung entwickelt wurden, anderswo türmen sich Manuskripte. Die Wissenschaftlerin ist ein Kind des Silicon Valley in den USA, 1997 promovierte sie am California Institute of Technology über Informatik und Neuronale Systeme, gleich danach kam sie 1998 ans neugegründete Institut für Neuroinformatik von Universität und ETH Zürich, zusammen mit Tobi Delbruck, der revolutionäre Kameras entwickelte. Seine «event-based» Kameras sind insofern unseren Augen nachempfunden, als sie nicht wie Filmkameras ein Bild nach dem anderen aufnehmen, sondern die Veränderungen über die Zeit registrieren, die sich beim gefilmten Motiv ereignen, etwa wenn sich eine Person bewegt. Diese sehr effiziente Technologie kommt auch bei der geplanten Neuroprothese zum Einsatz.

Kamera statt Auge

«Wenn die Netzhaut oder der Sehnerv nicht mehr funktionieren, müssen die Bilddaten der Umwelt direkt in die Hirnrinde projiziert werden», erläutert Liu das Prinzip der Neuroprothese. Das geschieht mit Elektroden, die in den visuellen Kortex im Bereich des Hinterkopfs implantiert werden. Die dazu notwendigen Signale stammen von einer Kamera, die anstelle der Augen die Umwelt beobachtet. Die Elektroden stimulieren die Neuronen entsprechend der visuellen Wahrnehmung durch die Kamera und erzeugen ein Bild. Auge und Sehnerv werden sozusagen überbrückt.
Das Prinzip funktioniert, wie der am Projekt beteiligte Partner Pieter Roelfsema vom Netherlands Institute for Neuroscience in Amsterdam kürzlich in einer vielbeachteten Studie mit Versuchstieren zeigen konnte. Zwei Affen konnten Buchstaben wahrnehmen, indem er ihren visuellen Kortex mit einer Anordnung von insgesamt 1024 feinen Elektroden stimulierte. Weil er die Elektroden nicht nur oberflächlich ansetzte, sondern anderthalb Millimeter tief ins Gehirn steckte, konnte er bereits mit feinsten Strömen im Mikroampere-Bereich eine visuelle Wahrnehmung erreichen. Die Tiere wurden zuvor an Computerbildschirmen trainiert, Buchstabenformen zu erkennen. «Pieters Versuche stimmen uns sehr optimistisch, dass unser Ansatz funktionieren wird», sagt Shih-Chii Liu.

Vergleicht man die Zahl von 1024 Elektroden mit den Millionen von Sehzellen in der Netzhaut, wird schnell deutlich, dass sich damit kein scharfes Abbild der Umwelt erzeugen lässt. Die künstliche Stimulation des visuellen Kortex bewirkt eine einfache Form des künstlichen Sehens: Die Probanden sehen Lichtpunkte, sogenannte Phosphene. «Jede Elektrode erzeugt die Wahrnehmung eines Phosphens», sagt Liu. Je mehr Elektroden, desto differenzierter das erzeugte Bild. Eine wichtige Komponente des Projekts ist die Entwicklung ultrafeiner Elektroden, die biologisch gut verträglich sind und so fein, dass sie sehr präzise einzelne Nervenzellen anregen. Diese implantierbaren Elektroden sollen kabellos funktionieren und zugleich Signale empfangen und senden, damit das ganze System Rückmeldungen aus dem Kortex zu den erzeugten Mustern erhält. Entwickelt werden die Elektroden von Forscherinnen und Forschern an der Albert-Ludwig-Universität in Freiburg (D).
Shih-Chii Liu, Tobi Delbruck und ihr Team beschäftigen sich mit Komponenten am anderen Ende der Neuroprothese, der Verarbeitung der Bilddaten der Kamera. «Wir entwickeln die neuromorphe Hardware und passende Algorithmen», sagt Liu. Neuromorphe Schaltkreise orientieren sich an biologischen Netzwerken von Neuronen. Sie arbeiten gleichzeitig digital und analog, so wie unser Nervensystem, und sind energieeffizient. Eine der grössten Herausforderungen ist es, die Bilddaten in möglichst kleinen Schaltkreisen rasch und effizient in möglichst vereinfachte, aber erkennbare Stimulationsmuster für die Elektroden umzusetzen.

Biologisches Wunderwerk

Die visuellen Informationen der Kamera müssen dazu auf die unverzichtbaren Daten reduziert werden, damit blinde Personen sie noch verstehen können. Eine Strassensituation mit Tram, Autos und Personen beispielsweise wird auf eine simple Darstellung reduziert, die von den Elektroden durch Phosphene mit Punkten oder gepunkteten Strichen dargestellt werden kann (siehe Kasten rechts). Dazu arbeitet das Team um Liu mit den Methoden des Deep Learning: Künstliche neuronale Netze werden mit Bildern aus Alltagssituationen daraufhin trainiert, nur die wichtigsten visuellen Informa­tionen zu extrahieren.
Die Neuroprothese ist ein Teamwork von Forschungsgruppen aus sechs verschiedenen Hochschulen und Instituten Europas. Bis alle Komponenten vorliegen und erste Versuche mit Blinden starten, dürfte es noch ein, zwei Jahre dauern, schätzt Liu. Diese Studien sollen in Spanien stattfinden und werden mit freiwilligen Teilnehmern durchgeführt, die schrittweise darauf vorbereitet werden, Phosphenmuster im Gehirn wahrzunehmen.
Dann wird sich zeigen, ob das Projekt hält, was sich die Verantwortlichen davon versprechen: Blinden durch Elektrostimulation rudimentäre Bilder ins Gehirn zu projizieren. Es wäre ein spektakulärer Erfolg, auch wenn die Phosphenbilder nicht an das Sehvermögen eines gesunden Auges heranreichen werden. «Die Netzhaut», sagt die Elektroingenieurin Liu, «ist ein biologisches Wunderwerk, das wir nicht nachbauen können.»