Mann in Kirche

Schule des Glücks

Der Theologe Daniel Maier hat Glücksvorstellungen im antiken Judentum und im Neuen Testament erforscht. Die Bibel sei
einer der ältesten überlieferten Glücksratgeber, sagt er – und einer, der uns auch heute noch etwas zu sagen hat.

Text: Roger Nickl

In Zeiten des pandemischen Unglücks über das Glück nachzudenken, scheint nicht besonders naheliegend. Genau dies tut Daniel Maier aber – mit Überzeugung. Denn der junge Theologe geht davon aus, dass es gerade in Krisenzeiten wichtig ist, sich Gedanken zum guten und zufriedenen Leben zu machen. «Das ist kein Luxus, den wir uns leisten müssen, sondern ganz existenziell», sagt der 29-Jährige. Maier erinnert an das Beispiel des biblischen Apostels Paulus, der in römischer Gefangenschaft Briefe verfasste, die Ausdruck von Freude und Hoffnung waren. Und dies, obwohl Paulus den Tod vor Augen hatte. Maier selbst hat mit Flüchtlingen, die er ehrenamtlich im Kirchenasyl in Deutschland betreute, über die Hoffnung in vermeintlich hoffnungslosen Situationen und das Glück diskutiert. «Der Gedanke, dass es weiter­geht, dass Gott einen Weg für einen vorgesehen hat, hat ihnen Kraft gegeben», sagt er. 

Auf Gott hoffen

In seiner preisgekrönten Dissertation hat sich Daniel Maier nun wissenschaftlich mit Glücksvorstellungen im Neuen Testament befasst und deren Wurzeln im antiken Judentum untersucht. «Die biblischen Texte sind oft in für Leib und Leben bedrohlichen Situationen geschrieben worden», sagt der Forscher, der mit seinem auffälligen Rauschebart und kahlem Schädel selber ein bisschen aussieht wie ein biblischer Prophet. «In der Bibel finden wir das Glück etwa in der Hoffnung auf einen Gott, der da ist, der ein Ziel verfolgt und gerecht ist», sagt Maier, «die biblischen Texte vertrauen darauf, dass Krisen nicht das Ende sind, sondern danach ein neues – ein anderes – Glück wartet.» Das sei auch heute noch eine frohe Botschaft. 

Von der Philosophie des Glücks, die bereits in der Antike mit Denkern wie Platon, Aristoteles oder den Stoikern zu blühen begann, war Daniel Maier schon als Schüler in Deutschland fasziniert. Später machte er studienbegleitend eine Ausbildung in Positiver Psychologie, dem Zweig innerhalb der Psychologie, der sich mit den positiven Seiten des Lebens auseinandersetzt – mit Zufriedenheit und Optimismus etwa oder eben mit dem Glück.

Heute gibt es eine ganze Flut von Publika­tionen, die einen wissenschaftlich fundiert, die anderen esoterisch, die sich mit der Kunst des Glücklichseins beschäftigen. Einer der ältesten Glücksratgeber sei aber die Bibel, sagt Daniel Maier, in die Jahrhunderte der Menschheitserfahrung auf der Suche nach einem guten Leben mit Gott verarbeitet wurden. «Das sind Erfahrungen mit dem Alltäglichen und dem Göttlichen, mit Bedrückung, Freude und Dankbarkeit», so der Theologe, «da können wir sehr viel über uns Menschen und unsere fundamentalen Bedürfnisse lernen.» Deshalb sei die Bibel auch eine Schule des Glücks.

Philosophischer Humus

Nur hat es bislang kaum Studien gegeben, die die Glücksvorstellungen im Buch der Bücher analysiert und untersucht haben. «Das Glück als Thema im Neuen Testament wurde von der Forschung nahezu komplett ignoriert», sagt Maier, «denn im Protestantismus galt das Glück früher als nichts Erstrebenswertes – es war nicht vorgesehen, sein Leben daran auszurichten, weshalb sollte man als Forscher also danach fragen.» Daniel Maier hat das nun geändert und damit akademisches Neuland betreten.
In seiner Studie hat der Theologe das unbekannte biblische Land des Glücks erkundet. Und er hat den philosophischen Humus untersucht, auf dem die sehr unterschiedlichen biblischen Glücksvorstellungen gedeihen konnten. Maier setzte sich mit antiken Denkern, die sich mit dem Thema beschäftigten, auseinander. Und er studierte die Schriften von Gelehrten des 1. Jahrhunderts, in dem das Neue Testament entstanden ist. So pries beispielsweise der jüdische Philosoph und Theologe Philo von Alexandria (15/10 v. Chr. bis 40 n. Chr.) das Glück in der Zurückgezogenheit und in der gemeinschaftlichen Kontemplation. Der jüdisch-hellenistische Historiker Flavius Josephus (37/38 bis 100 n. Chr.) war dagegen ein «Glückspragmatiker», wie Maier sagt. Josephus ging davon aus, dass die Menschen nur bedingt für ihr eigenes Glück verantwortlich sind, weil letztlich alles in Gottes Hand liegt.
Auch mit dem antiken Philosophenfürsten Aristoteles hat sich Maier beschäftigt. Für ­Aristoteles war die Eudämonie, die gelungene, gute Lebensführung, das höchste Ziel überhaupt. «Der Königsweg dazu ist, nach Weisheit zu streben und selbst Philosoph zu werden», sagt Maier und lacht. Im Neuen Testament führt Paulus diesen Gedanken weiter. «Noch höher als die Eudämonie setzt er die Christusnachfolge – alles Streben und Glück führt bei Paulus auf Christus», sagt der Bibelforscher. Dies ist nicht die einzige Verschiebung von spät­antiken Glücksvorstellungen, die er im Übergang von älteren Traditionen ins Neue Testament festgestellt hat.

Dankbar sein

Neue Perspektiven gibt es auch in den Glückseligpreisungen der berühmten Bergpredigt, in der Jesus von Nazareth seine Lehre verkündet. «Das Neue daran ist, dass sich die Rede und die Verheissung von Glück direkt an die Schwachen und Ausgestossenen in der Gesellschaft richten. In der Antike war dies keinesfalls selbstverständlich», sagt Daniel Maier, «die Bergpredigt ist eine fulminante Botschaft des Glücks für alle Menschengruppen – das macht sie so wirkungsmächtig.»
Viele der biblischen Glücksvorstellungen, die Daniel Maier bei der Analyse der biblischen Texte entdeckt hat, decken sich mit den Erkenntnissen der Positiven Psychologie. Etwa die, dass Dankbarkeit wesentlich zur persönlichen Zufriedenheit beiträgt. «So ist es hilfreich, jeden Abend drei Ereignisse des Tages aufzuschreiben, für die man dankbar ist, wie es die Psychologie rät», sagt Maier, «genauso kann ich aber auch in einem abendlichen Gebet Gott danken, wie es bereits die frühen Christen des Neuen Testaments getan haben.» Ein wichtiger Glücksfaktor ist auch die erwähnte Fähigkeit zur Hoffnung – den optimistischen Glauben daran, dass neues Glück wartet, auch wenn es im Moment nicht danach aussieht.

Sinnvolles tun

Ganz zentral in den Texten des Neuen Testaments ist der Gedanke, dass das Glück nicht von allein kommt. Zwar mag man auch für sich zuweilen euphorische Glücksmomente erleben – etwa beim erhabenen Blick über das Meer. Doch dieses hedo­nistische Glück, wie es in der Forschung heisst,
ist meist nur von kurzer Dauer. Garant für eine länger anhaltende Zufriedenheit ist dagegen das «eudämonistische Glück», das man beispielsweise erfährt, wenn man sich höhere Ziele setzt und in einer bedeutenden, sinnvollen Aufgabe aufgeht. Etwa indem man sich gesellschaftlich engagiert und sich für andere Menschen einsetzt – oder wenn man sich wie weiland Aristoteles in den Dienst der Weisheit stellt und forscht. Darauf verweisen die Befunde der psychologischen Forschung – und seit dreitausend Jahren die Texte der Bibel.
Pfannenfertige Rezepte für ein glückliches Leben wie in manchen heutigen Ratgebern sind in der Bibel allerdings nicht zu finden, räumt Daniel Maier ein, vielmehr eröffneten die Texte einen Reflexionsraum für eine individuelle Auseinandersetzung mit dem Thema und bieten ganz unterschiedliche Identifikationsmöglichkeiten. «Wenn wir von einem Schöpfer ausgehen, so hat er uns offensichtlich unglaublich unterschiedlich geschaffen», sagt der Theologe. Und so findet man in der Bibel auch ganz verschiedene Wege zum Glück.