Alice Hollenstein, Thorsten Hens

Glücksgefühle in Zürich

Das Hunziker-Areal in Zürich-Oerlikon ist bunt und lebendig, das ganz in der Nähe gelegene Glattpark-Areal wirkt dagegen kühl und leer. Die Psychologin Alice Hollenstein weiss, was uns in Städten glücklich macht – und was nicht.

Von Marita Fuchs

Fühlen Sie sich an der Zürcher Europaallee wohl? Würden Sie gerne in einem Neubau am Max-Bill-Platz in Neu-Oerlikon leben? Oder lieber in einem alten Haus im Zürcher Seefeld? Ich treffe Alice Hollenstein an der Heimatstrasse im Seefeld ganz in der Nähe des Chinagartens. Beschaulich ist es hier. Die Häuser stammen aus der vorletzten Jahrhundertwende. Jedes hat sein eigenes Gesicht, eine facettenreiche Fassade, einen sanften Übergang zur Strasse und viel Grün. Für Alice Hollenstein repräsentiert diese Strasse das, was Menschen an Wohnkultur mögen.

Alice Hollenstein ist Psychologin und Spezia­listin für ein hierzulande noch relativ unbekanntes Fachgebiet: die Urban Psychology. Architekten, Bauherren, Immobilienexpertinnen, Portfoliomanager, Behördenvertreter oder Städteplanerinnen besuchen ihre Weiterbildungskurse. Sie wollen mehr darüber wissen, wie Menschen sich in Städten fühlen und verhalten. Hollensteins Fachgebiet – zwischen Psychologie und Wirtschaftswissenschaften angesiedelt – ist darauf ausgerichtet, Planungsfehler bei Bauprojekten und in der Stadtentwicklung zu vermeiden. «Wer für Menschen baut, sollte ihre Bedürfnisse genau kennen», sagt die stellvertretende Leiterin des Center for Urban & Real Estate Management (CUREM), das am Institut von Ökonomieprofessor Thorsten Hens angesiedelt ist.

Zürich verändert sich rasant. Die Stadt wird verdichtet. Quartiere verändern ihr Gesicht und ihre soziale Zusammensetzung. Wo bis vor wenigen Jahren noch ärmere Menschen lebten, ziehen finanziell gut gestellte Familien oder alleinstehende Berufstätige ein. Zugleich altert die Gesellschaft. Mehr und mehr Menschen brauchen barrierefreie Wohnräume, in denen sie möglichst lange selbständig leben können. Neu erstellte Wohnquar­tiere müssen diesen Trends entsprechen. Dies setzt grundlegende Überlegungen voraus. Denn die Wohnumgebung hat einen grossen Einfluss auf unser Lebensgefühl. Ein Musterhaus oder einen Musterblock, in dem sich garantiert jeder Mensch wohlfühlt, gibt es nicht. Umso wichtiger ist es, die Anforderungen an einen Lebensraum generell ins Auge zu fassen. Das klingt logisch, wird aber bei der Planung neuer Wohnareale oft nur ansatz­weise berücksichtigt.

Geordnete Vielfalt

Menschen mögen in der Regel eher kleinteilig gegliederte Städte. «Es gibt eine klare Evidenz dafür, dass Umgebungen, wie etwa europäische Altstädte, mit ihren verschachtelten Strukturen von vielen als schön erachtet werden, dies im Vergleich zu gros­sen, monotonen Überbauungen», sagt Hollenstein. Also eher Niederdorf als Europaallee. Die neu gestaltete Allee beim Zürcher Hauptbahnhof sei ein Raum, der nicht sehr belebt wirke, zu eintönig seien die Gebäude. Kalt und unfreundlich wirke das auf viele Menschen, so Hollenstein. Denn wir möchten stimuliert werden, unsere Sinne wollen Neues sehen, Vielfalt und Überraschung wahrnehmen. Aber auch ein beliebiges Durcheinander mögen wir nicht.

Vielfalt mit einer gewissen Ordnung lautet deshalb die städtebauliche Zauberformel. Psychologische Studien zeigen, dass solche Umgebungen die Ausschüttung körpereigener Glücks- und den Abbau von Stresshormonen bewirken und somit das Wohlbefinden fördern. Das Hunziker-Areal in Zürich-Oerlikon, mit seinen kleinteiligen Strukturen, der Begrünung und dem flexiblen Wohnraum komme den Bedürfnissen vieler Menschen entgegen, sagt die Psychologin. «Hier leben Leute, die aktiv Nachbarschaft pflegen wollen.» An Veranstaltungen in Gemeinschaftsräumen kann man sich treffen. Kontakte zu anderen sind gegeben – das ist vor allem für diejenigen wichtig, die viel Zeit zuhause verbringen, Rentner etwa. Aber auch Kinder und Eltern profitieren von diesen Strukturen. Hollenstein, selbst junge Mutter, weiss, wie gross der Bedarf an kinderfreundlicher Stadtgestaltung ist.

Auch für den Betrachter von aussen bietet dieses Quartier viel – Farben, Pflanzen, individuell gestaltete Balkone. «Wenn das Umfeld uns mit Sinneseindrücken in hinreichendem Ausmass und von guter Qualität versorgt, geht es uns besser», sagt die Psychologin. Dies belegen auch Experimente, bei denen die Hirnaktivität, die Blickbewegungen und Hormonausschüttungen von Menschen gemessen werden, die durch Strassen und Quartiere gehen. «Bei Planungsprozessen sollten solche Erkenntnisse verstärkt miteinbezogen werden», sagt Hollenstein.

Schatten vergessen

Kaum Glückhormone werden bei Alice Hollenstein beim Besuch des Glattpark-Areals im Norden Zürichs ausgeschüttet. Man habe einige Fehler gemacht, sagt die Stadtpsychologin. Das an der Grenze zu Opfikon gelegene Areal galt vor Baubeginn als teuerste Wiese Europas. Ein künstlicher See wurde angelegt und mehrere Wohnblöcke gebaut. Doch der Glattparksee ist nicht von allen Wohnungen aus sichtbar. «Schade», meint Hollenstein, «damit hätte man alle Wohnungen aufgewertet.» Zudem sei der Baumbestand am See zu klein, im Sommer ist es zu heiss, um sich dort aufzuhalten. «Man hat den Schatten vergessen.»

Und nicht nur das. Kaum Passanten sind auf dem Boulevard Lilienthal – der das Areal durchzieht – auszumachen. «Man wollte das Erdgeschoss mit Geschäften und Cafés beleben, das hat an dieser Lage nicht funktioniert», sagt Hollenstein, weil man das Verhalten von Passanten nicht genau evaluiert habe. Menschen flanieren nur selten auf Umwegen. Sie sind in ihrer Wegwahl meist pragmatisch, minimieren Distanzen und Richtungswechsel. Heute können mit Hilfe des Computers Passantenströme modelliert werden. Qualitative Interviews mit Quartierbewohnern oder Beobachtungen vor Ort sind zudem nützlich, um die Bedürfnisse und Verhaltensweisen von Menschen besser zu verstehen.

«Jedes Bauprojekt ist letztlich eine Verpflichtung gegenüber seiner Umgebung und der gesamten Stadt», sagt Hollenstein. Erfreut hat sie, dass aufgrund ihrer Arbeit Grundgedanken der Urban Psychology in das städtebauliche Leitbild einer Schweizer Stadt eingeflossen sind. «Denn was den Menschen gefällt, ist meist auch gut für das Klima, die Biodiversität und die Prosperität einer Stadt», sagt die Psychologin.

Menschen in Städten verstehen

Die Urban Psychology ist über hundert Jahre alt und Teil der Umweltpsycho­logie. Im Zusammenhang mit der Industrialisierung wurde ursprüng­lich experimentell untersucht, welche Umweltfaktoren eine leistungsstei­gernde Wirkung auf den Menschen ausüben. In den 1960er-­ und 1970er-Jahren erlebte das Fach, ausgelöst durch das schnelle Wachstum von Siedlungsgebieten, einen Forschungs­boom. In diesen Jahren sind die ersten empirischen Studien zu Themen wie Gebäudeästhetik, soziale und bauliche Dichte, Erholungsräume sowie Orts­identität erschienen. Ziel der Urban Psychology ist, menschliches Erleben und Verhalten in Städten zu beschreiben, zu erklären, vorherzusagen und allenfalls zu verändern.

Die Weiterbildungen in Urban Psychology am Center for Urban & Real Estate Management (CUREM) der Universität Zürich richten sich an Fach-­ und Führungskräfte der Immo­bilienwirtschaft und Raumentwick­lung. Im Fokus stehen praktisch anwendbare Problemlösungen für die Immobilienwirtschaft. CUREM will nicht nur Studierenden das neueste Know-­how aus der immobilienwirt­schaftlichen Forschung vermitteln, sondern der Schweizer Immobilien­branche insgesamt zu neuen Erkennt­nissen verhelfen. www.curem.uzh.ch