The Marx Brothers

Rätselhaftes Lachen

Franz Kafka hat einen Termin beim Präsidenten der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, bei dem es um seine Beförderung geht. Dort wird der Angestellte Kafka von einem unbändigen, unkontrollierbaren Lachanfall heimgesucht, der ihn komplett aus der Fassung bringt und schliesslich auch seine beiden ebenfalls vorgeladenen Kollegen ansteckt.

Grund für die Lachattacke ist die urkomische, aufgeblasene Gestalt des Präsidenten der Versicherungsanstalt und seine geschwollene, absurde Rede: «Als er also jetzt mit schwingenden Handbewegungen etwas Läppisches daherredete, wurde es mir zu viel, ich stimmte ein so lautes rücksichtsloses Lachen an, wie es vielleicht in dieser Herzlichkeit nur Volksschülern in ihren Schulbänken gegeben ist», schrieb Kafka am 28. April 1910 in einem Brief an seine Verlobte Felice Bauer. Kafka verlässt die Audienz in einer seltsam zwiespältigen Verfassung – vom Lachen geschüttelt und vor Peinlichkeit geknickt.

Kafkas Brief ist einer von vielen Lachtexten, mit denen sich der Germanist Davide Giuriato beschäftigt hat – denn der Humor lebt nicht nur in unserem Alltag, sondern auch zwischen zwei Buchdeckeln. Die Literatur bringt uns in Komödien, Satiren, Parodien zum Lachen. Und sie macht es, wie in Kafkas Text, selbst auch immer wieder zum Thema. So vertraut uns das Lachen ist, so rätselhaft ist es gleichzeitig. Oft wissen wir gar nicht, weshalb und worüber wir eigentlich lachen. Es bricht aus uns heraus – manchmal in den unmöglichsten Situationen.

Laut einer Studie des US-Neuropsychologen und Lachforschers Robert Provine lachen wir nur zu 20 Prozent aus Gründen des Humors. Oft steckt etwas ganz anderes dahinter: Wir werden überrascht, sind erstaunt, verlegen, verzweifelt, peinlich berührt. «Lachen ist ein soziales Verhalten, eine Art von Kommunikation», sagt Davide Giuriato, «es teilt etwas mit, auch wenn nicht ganz klar ist, was.»

Bereits die Philosophen im antiken Griechenland haben über dieses Rätsel nachgedacht. Aristoteles betonte, dass der Mensch das einzige Lebewesen sei, das lacht. Und Platon berichtet in seinem Dialog «Theaitetos» von einer denkwürdigen Lachszene. Sie zeigt, wie der Naturphilosoph, Astronom und Geometer Thales beim Betrachten des Himmels in einen Brunnen stürzt. Eine schlaue thrakische Magd erkennt die Situationskomik und ruft ihm lachend zu: «Du willst alles über die Dinge des Himmels wissen, aber was dir vor der Nase und vor den Füssen liegt, siehst du nicht.»

Seither begleitet das Lachen die Kultur- und Philosophiegeschichte als eine Art Störgeräusch. Es weist auf die andere Seite der Rationalität hin und regte vielleicht gerade deshalb Philosophen immer wieder zum Nachdenken an.

Herausgekommen sind ganz unterschiedliche Versuche, Lachen zu erklären. Für Aristoteles war Humor ein Akt der Überlegenheit. Wir lachen andere aus und erheben uns dadurch über sie. Für den Philosophen Arthur Schopenhauer ist das Lachen ein Moment des Widerspruchs und der Inkongruenz – wir lachen, wenn etwas Unerwartetes passiert. Wenn jemand beispielsweise stolpert oder ein Philosoph vor lauter Denken in einen Brunnen fällt. Von solchen Situationen leben auch die unzähligen Slapstick-Komödien, die seit den Anfängen des Kinos gedreht wurden.

Sigmund Freud wiederum betonte, dass Lachen und Humor uns helfen, Spannungen abzubauen. Sie sind eine Art Ventil, wenn wir unter grossem psychischem Druck stehen. «Jeder dieser Ansätze hat etwas für sich, aber keiner erklärt das Phänomen vollständig», sagt Davide Giuriato, «das Lachen bleibt schwer zu fassen und ist deshalb nach wie vor faszinierend.»

Text: Roger Nickl