Titus Neupert

Kapitalpuffer gegen die Krise

Die Finanzkrise von 2007 hat die Weltwirtschaft durchgeschüttelt. Banking-Experte Steven Ongena erforscht, wie solche Katastrophen künftig verhindert werden können – etwa indem Banken sich weniger verschulden.

Von Andres Eberhard

Zur Wirtschaft gehören hin und wieder auch Unfälle. Fallende Aktienkurse oder gar Firmenpleiten seien zwar nicht schön, aber ein normaler Bestandteil der Marktwirtschaft, sagt Steven Ongena. Der Professor für Banking an der UZH forscht unter anderem dazu, wie Finanzkrisen entstehen und wie sie verhindert oder abgeschwächt werden können. Heisst das, dass wir auch in Zukunft mit Finanzkrisen wie jener von 2007 leben müssen, deren Folgen wir heute noch spüren? Ongena winkt ab.

«Solch grosse Krisen, die den Steuerzahler viel Geld kosten, um systemrelevante Banken zu retten, können definitiv vermieden werden.» Verschiedene Ursachen können zu Finanzkrisen führen (siehe Kasten). Entsprechend vielfältig sind auch die Vorschläge, wie sie verhindert werden sollen. Einig ist man sich inzwischen, dass es ohne Regulierung des Finanzsystems nicht geht. «Es ist aber nicht einfach, das richtige Mass zu finden», meint Ongena. Oder anders gesagt: Es braucht so wenig Regulierung, dass die Wirtschaft gedeihen kann. Und doch so viel, dass das System in Zukunft nicht erneut derart stark ins Wanken gerät. Nach der letzten Finanzkrise verstärkten viele Länder die Vorschriften für Banken. Unter anderem wurden die Anforderungen bezüglich Eigenkapital und maximaler Verschuldung verschärft. Gemäss Ongena sind das markante Verbesserungen. «Die Banken sind eindeutig besser kapitalisiert als vor der Krise.» Zudem setzten die Aufsichtsbehörden auch einige so genannte «makroprudentielle Massnahmen» um. Hinter diesem sperrigen Begriff versteckt sich die Idee, dass Vorschriften die Auswirkungen auf das ganze System und nicht auf einzelne Banken im Auge haben sollten. 

Reserven bilden

Ongenas Forschung stützt die getroffenen Massnahmen weitgehend. So hat er gemeinsam mit Forscherkollegen beispielsweise die Wirkung von so genannten antizyklischen Kapitalpuffern untersucht, die auch Teil der neuen Vorschriften sind. Der kompliziert anmutende Begriff meint eine an sich simple Idee: Banken sollen dazu gebracht werden, in Boom-Phasen Reserven zu bilden, die ihnen durch schwierige Zeiten helfen. Die Wissenschaftler analysierten Mikrodaten aus Spanien, wo das Instrument schon vor der Krise versuchsweise angewendet wurde.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Massnahme vor allem in schlechten Zeiten wirkt: Banken, die zuvor einen Kapitalpuffer gebildet hatten, gewährten während der Krise deutlich mehr Kredite als die Konkurrenz. Als Folge daraus ging es auch den Kunden dieser Banken besser – sie beschäftigten mehr Mitarbeitende und gingen seltener bankrott. Banken, die in Boom-Phasen Kapitalreserven geschafften hatten, vermochten auf diese Art die Krise zu mildern. In der Schweiz sind solche antizyklischen Kapitalpuffer für Banken nach einem Beschluss des Bundesrats seit 2013 Pflicht. 

Fremdkapital besteuern

Ongena hat einen neuen Vorschlag, wie der Bankensektor besser reguliert werden könnte: mit der Besteuerung von Fremdkapital. Damit könnten die Banken dazu animiert werden, ihre Verschuldung tief zu halten. Die bisherige Praxis, die darauf abzielt, Banken zu einem Mindestanteil an Eigenkapital zu zwingen, ist unpopulär. Sie führt dazu, dass weniger Kredite vergeben werden und das Wirtschaftswachstum insgesamt gehemmt wird. Mittels Besteuerung von Fremdkapital hingegen sollen die Banken mehr Eigenkapital halten, ohne dass sich die ungewollten Nebeneffekte einstellen. Vereinfacht gesagt kann man sich das so vorstellen: Wenn es teurer wird, sich Geld zu leihen, streben Banken eher danach, eigenes und damit sichereres Geld anzuhäufen. Die Untersuchung der Wissenschaftler, die Steuerreformen in verschiedenen Ländern Europas seit Mitte der 1990er-Jahre ausgewertet haben, legt nahe, dass die Massnahme tatsächlich wirken könnte. So hielten Banken in Ländern, wo Fremdkapital durch die Reform teurer wurde, deutlich mehr Eigenkapital. Trotzdem vergaben sie nicht weniger Kredite und agierten auch nicht mit mehr Risiko.

Die letzte Finanzkrise hat das Bewusstsein für die Anfälligkeit des Systems geschärft – nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Politik. Wurden mit den Reformen alle Probleme gelöst? «Nein», sagt Ongena, «das Umfeld ist sehr komplex und dynamisch und bleibt deswegen riskant.» Als grösstes Risiko der nächsten Jahre macht er die aufgeblähten Bilanzen der Zentralbanken aus. Als Reaktion auf die anhaltende Finanzkrise hatten diese nicht nur ihre Leitzinsen gesenkt, sondern auch diverse Wertpapiere von privaten Banken aufgekauft. Dies machte die Finanzinstitute liquider und hatte so einen positiven Effekt auf die ganze Wirtschaft. Nun riskieren die Zentralbanken aber, dass die Veräusserung dieser Papiere den gegenteiligen Effekt erzielt – und wir die nächste Rezession erleben.

Andres Eberhard ist freier Journalist.

Wie Finanzkrisen entstehen: Laxe Regeln, riskante Kredite

Die Ursachen von Finanzkrisen sind vielfältig. Grösseren Rezessionen geht oft ein starkes Kreditwachstum und häufig auch ein aufgeblähter Immobilienmarkt voraus. Die Banken spielen dabei eine zentrale Rolle. Auch technologische Innovationen in der Finanzbranche können eine Krise verschärfen. So hatten Banken vor der letzten Krise etwa verschiedene Aufgaben an externe Agenturen ausgelagert. Beispielsweise überprüften diese Agenturen Schuldner nur ungenügend danach, ob diese kreditwürdig sind.

Auch Zentralbanken können mit ihrer Geldpolitik eine Finanzkrise mitverschulden. Gefährlich wird es, wenn sie über längere Zeit einen niedrigen Leitzins setzen, wie das von 2002 bis 2005 der Fall war. Dann 
 vergeben die Banken mehr Kredite für Projekte, die sich für die beteiligten Firmen nur knapp rechnen. Werden die Zinsen später wieder angehoben, sind diese Projekte nicht mehr rentabel, die Kredite nicht mehr gedeckt – sie werden «faul». Steven Ongena, Banking-Professor an der UZH, konnte anhand von Mikrodaten aus dem spanischen Kredit register nachweisen, dass Banken bei niedrigem Zinssatz tatsächlich mehr und vor allem auch riskantere Kredite vergeben.

Seit einigen Jahren wird auch vermehrt eine zu laxe Finanzregulierung als mögliche Ursache von Finanzkrisen diskutiert. Ongenas Untersuchungen legen nahe, dass die Krise von 2007 auch auf die Deregulierung des Bankensektors in den 1970er- und 1980er-Jahren zurückgeht. Immer weniger staatliche Vorschriften im Bankenwesen führten damals zur Gründung von diversen Privatbanken. Für Firmen hatte die neue Auswahl an möglichen Geldgebern zur Folge, dass es einfacher wurde, Fremdkapital aufzunehmen. Weil die Banken vermehrt um Schuldner konkurrierten, weiteten sie ihr Kreditvolumen aus und verschuldeten sich damit. In der Krise konnten dann viele von ihnen diese Schulden nicht mehr bedienen.